Die Berichterstattung und die Talkshows in deutschen Medien über Israel und Palästina sind so einseitig und unterfordernd, dass sie den Verdruss mit dem Journalismus in Deutschland rapide beschleunigen. Nicht zu Unrecht kann man kann den etablierten Medien “Gleichschaltung” und Arroganz vorwerfen. Das Publikum wird für dumm verkauft. Statt Kontext, Geschichte, Einordnung und offene Diskussionen bekommt man einzig Bestürzung, Gefühle und die immer gleiche Haltung präsentiert.
Der Tenor ist derselbe: So etwas Fürchterliches wie den 7. Oktober habe es noch nie gegeben. Daraus folge die unbedingte Solidarität mit Israel, das nun freie Hand in Gaza haben müsse, dessen Bewohner auch für den SPD-Haudrauf Michael Roth keine Menschen, sondern mit den Worten des israelischen Verteidigungsministers „menschliche Tiere“ zu sein scheinen (die Hälfte der 2,3 Millionen Bewohner Gazas sind übrigens Minderjährige). Es wirkt, als ob man jetzt ein für alle Mal Schluss machen möchte mit diesen Palästinensern und ihrer unverschämten Forderung nach einem eigenen Staat.
Folgt man deutschen Medien, dann kam der 7. Oktober aus heiterem Himmel, wie eine Naturkatastrophe. Der Verdacht erhärtet sich, dass sie wirklich die Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre in der Region verpasst haben. Israelische Medien (bspw. “Haaretz”), progressive Israelis, jüdische Journalisten, Intellektuelle, auch CNN, die “New York Times”, “El País”, “The Guardian” berichten, kommentieren und äußern sich vielschichtig und kritisch und werden der Komplexität der Situation gerecht. Hierzulande wird „der Experte“ Günther Jauch ins TV-Studio eingeladen, der eine Holocaustüberlebende in Israel kennt, mit der er telefoniert hat.
John F. Kennedy hat gesagt: „Wer eine friedliche Revolution unmöglich macht, wird eine gewaltsame Revolution unvermeidlich machen.“ Israels verschiedene rechte Regierungen mit Beteiligung von Rechtsextremen, Rassisten und religiösen Fanatikern (gegen die Millionen von Israels zuletzt auf die Straße gegangen sind) haben den Palästinensern über Jahre hinweg systematisch Land und Rechte geraubt und ihren Bewegungsspielraum eingeengt. Die Zeitung „Haaretz“ schrieb nach dem scheußlichen Angriff der Hamas: „Der Premierminister (…) hat es völlig versäumt, die Gefahren zu erkennen, auf die er Israel zusteuert, indem er eine Regierung der Annexion und Enteignung einsetzt (…) und eine Politik betreibt, die die Existenz und die Rechte der Palästinenser offen ignoriert.“ In Deutschland würde einem sofort „Antisemitismus“ von irgendwelchen eifrigen Antisemitismusbeauftragten vorgeworfen. Aber Israel selbst hält offenbar weit mehr Meinungspluralität und Wirklichkeit aus, als deutsche Redaktionskonferenzen.
Zur Wahrheit zählt: Die Demütigung gehört zu den harmlosesten Erfahrungen, die Palästinenser mit Israels Sicherheitskräften machen. Israels Soldaten üben willkürlich Gewalt aus, es gibt Dutzende Fälle von unschuldigen Palästinensern, die getötet wurden. Aus jüdischen Siedlungen werden Palästinenser auf ihren Äckern beschossen, ihnen wird Wasser abgedreht, ihre Pflanzungen werden zerstört. Israels Armee hat in den vergangenen 22 Jahren 20 Journalisten bei ihrer Arbeit getötet. Israels Regierung verletzt seit Jahren UN-Resolutionen. Es hat durch seine Siedlungspolitik eine Zwei-Staaten-Lösung unmöglich gemacht, die einmal greifbar schien. Das rechtfertigt oder entschuldigt gar nichts, aber es gehört dazu, wenn man diesen Konflikt verstehen will. Kontext herstellen, heißt nicht rechtfertigen! Im deutschen TV wird dennoch zum Halali auf Gaza und seine verarmten Menschen gerufen.
Der Niedergang der deutschen Medien und ihr Vertrauensverlust aufgrund immer gleicher Stimmen, Angst vor Ein- und Widerspruch, fehlenden Kontroversen, der Abwesenheit unbequemer Intellektueller und Wissenschaftler, der vielen unerträglichen Floskeln und Sprachstanzen sowie der Unfähigkeit, einmal einen komplexen Kontext und geschichtliche Entwicklungen zu liefern, scheinen unaufhaltsam.
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