Wie Ameisen wirken die halbnackten Männer, die auf langen Leitern fast senkrechte Wände hinaufkraxeln, auf den Schultern schwere Säcke voller Erde. Sie sind die Goldsucher der Serra Pelada, einem Berg im Norden Brasiliens, der Anfang der 1980er Jahren Ziel eines großen Goldrauschs wurde. Unter den zehntausenden Glückssuchern, die aus dem ganzen Land herbeiströmten, lebte 1985 auch der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado mehr als einen Monat lang. Er schoss die Bilder, die ihn weltberühmt machten.
In kontrastreichem Schwarzweiß, das sein Markenzeichen wurde, zeigte er die archaischen Arbeitsbedingungen in der größten offenen Goldmine der Welt – ohne aber die Arbeiter, oft raue und wenig zimperliche Gesellen, zu diffamieren. Es ging Salgado um das System, dem die Kreatur Mensch unterworfen war. Heute gelten die Bilder Salgados aus Serra Pelada als Ikonen. Die New York Times zählt sie zu den 25 essenziellen Aufnahmen der Moderne.
Für Salgado waren sie ein Startpunkt. Der damals schon über Vierzigjährige reiste in den folgenden Jahren rund um die Welt und veröffentlichte 1993 den Fotoband „Arbeiter“, einen Meilenstein der sozialdokumentarischen Fotografie. Salgado zeigt darin physisch arbeitende Menschen aus fünf Kontinenten in einer Epoche zunehmender Automatisierung: Arbeiter in ukrainischen Stahlhütten, auf brennenden kuwaitischen Ölfeldern oder Abwrackwerften in Bangladesch. Die Bilder sind nicht nur kunstvoll komponiert, sondern haben ein politisches Gewicht und eine emotionale Tiefe, die wohl zum Schwierigsten gehören, was eine Fotografie erreichen kann. Salgados Fotos lösen im Betrachter etwas aus und schaffen Empathie und Nähe.
Auch daher war Salgado, der am Freitag im Alter von 81 Jahren in Paris starb, einer der beliebtesten und geachtetsten Fotografen der Welt. Es ging ihm nie nur um das journalistische Zeigen, sondern immer auch um das Bewegen und Verändern.
Dabei hatte Salgado zunächst einen ganz anderen Weg eingeschlagen. 1944 auf dem Land im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais geboren, studierte er Wirtschaft und machte seinen Master in São Paulo sowie an der Pariser Sorbonne. 1969 verließ er seine Heimat Richtung Frankreich, weil er fürchtete, als Sympathisant der linken Stadtguerilla ins Fadenkreuz der Militärdiktatur zu geraten, die Brasilien seit 1964 beherrschte.
Nach dem Studium wurde Salgado Sekretär der Internationalen Kaffeeorganisation, die den globalen Kaffeemarkt fairer gestalten wollte. Bei einer Reise nach Afrika machte er seine ersten Fotos mit einer Leica. Es dauerte einige Jahre, bis er entschied, sich ganz dieser Leidenschaft zu widmen und als freier Fotojournalist zu arbeiten. Ohne Furcht, auch in Krisengebiete zu reisen, gelang es ihm bald, Aufträge renommierter Zeitschriften an Land zu ziehen und 1979 sogar bei der renommierten Magnum-Agentur in Paris aufgenommen zu werden.
Salgado schonte sich nie und ging Risiken ein. Während des Unabhängigkeitskriegs im Mosambik fuhr er 1974 auf eine Landmine und die Explosion hinterließ ein chronisches Rückenleiden. In den 1990ern erkrankte er in Indonesien an einer Malaria, die nicht ausreichend behandelt wurde und lebenslange teils schwere Komplikationen verursachte.
Ein frühes prägendes Ereignis war der Anschlag auf Ronald Reagan 1981 in Washington. Salgado begleitete damals den US-Präsidenten und seine Fotos des Attentats gingen um die Welt. Von deren Verkauf finanzierte er, was er am meisten liebte: intensive Recherchereisen nach Afrika und durch Südamerika. Seinen ersten Foto-Band nannte Salgado „Anderes Amerikas“.
Das „Andere“ blieb sein Programm. Er zeigte nicht das fröhliche und bunte Lateinamerika der Klischees, sondern die zehrenden Lebensbedingungen ernst schauender Kleinbauern und Indigener. Nach seinem Erfolg mit den Fotos aus Serra Pelada und dem bahnbrechenden „Arbeiter“-Band widmete sich Salgado fortan großen thematischen Projekten. Dabei schien es ihm immer ums Ganze zu gehen. Schon die Titel seiner Ausstellungen und kiloschweren Bücher klingen wie Überschriften aus der Bibel: „Terra“, „Exodus“, „Genesis“. Sie handelten von den letzten unberührten Flecken des Planeten oder von Kriegsflüchtlingen rund um den Globus. Dabei blieb Salgado einem Prinzip treu: Seine Menschen haben immer Würde, Schönheit und Individualität – egal wie arm sie sind oder welches Leid sie durchmachen. Sein Blick ist der eines Fotojournalisten, eines Anthropologen und eines Mitmenschen voller Respekt.
Um seine Projekte mit globalem Anspruch stemmen zu können, gründete Salgado 1994 mit seiner Frau und lebenslangen Begleiterin Lélia Wanick in Paris die Agentur Amazonas Images, in der sich acht Mitarbeiter um Organisation und Ausführung von Salgados langen Recherchereisen kümmerten.
Eine andere Lebensaufgabe der beiden wurde die Wiederaufforstung der von Rinderweiden verwüsteten Heimatregion Salgados in Brasilien. Drei Millionen Bäume pflanzte das vom Ehepaar Salgado 1998 gegründete Instituto Terra bisher. Nicht nur Vögel, Säugetiere und Pflanzen kehrten zurück, sondern auch das Wasser begann wieder aus Hunderten Quellen zu fließen.
Salgado musste stets aufs Land und in die Natur. In einem Gespräch sagte er 2009 über eine Reise nach Papua-Neuguinea: „Mir ist alles egal, wenn ich in dieser wahnsinnigen Natur arbeite. Ich habe mit den Ureinwohnern gelebt, war die ganze Zeit unter Tieren. In solchen Situationen werde ich komplett eins mit mir und meiner Umwelt. Als ich wieder in Paris war, fühlte ich mich eingesperrt.“
Bis zum Ende blieb Salgado der Schwarzweiß-Fotografie treu, auch wenn er in den Nullerjahren auf Digitalkameras umstieg. Er begründete es mit der nachlassenden Qualität der Filme. Doch seine „zu schöne“ Art der Fotografie brachte ihm auch Kritik ein. Dass er Elend und Leid ästhetisiere, hieß es. Tatsächlich wirken Salgados oft durch starke Kontraste nachträglich dramatisierte Fotografien häufig wie die Barockgemälde flämischer Meister – selbst wenn sie Flüchtlingslager im Kongo zeigen, in denen die Menschen Mitte der 1990er Jahre zu Tausenden starben. In einem Gespräch erwiderte Salgado, dass sein visuelles Universum nun mal von der Üppigkeit Lateinamerikas und nicht der Reduktion Europas geprägt sei – eine Antwort, die durchaus nachvollziehbar ist.
Mit den Jahren komponierte Salgado seine Fotografien immer perfekter, sowohl im Aufbau wie im Spiel mit Licht und Schatten. Seine letzte große, absolut epische Arbeit handelt von „Amazonien“. Er wollte dieses riesige bedrohte Ökosystem und seinen letzten mehr oder weniger ursprünglich lebenden Völker für die Ewigkeit festhalten. Dabei gelang ihm eine Fülle einzigartiger Porträts und kolossaler Landschaftsaufnahmen, die das Wunder dieser Welt und seiner Menschen in bewegender Schönheit bannen.
„Das Fotografieren ist wie eine Kurve, auf der man sich bewegt“, hat Salgado einmal bei einem Treffen gesagt. „Sie steigt an, und auf dem höchsten Punkt machst du deine besten Bilder. Cartier-Bresson sprach vom ‘entscheidenden Moment’. Aber ich mache vorher Bilder und nachher. Ohne das Vorher und das Nachher gäbe es auch diesen besten Moment nicht. Ich komme nicht mal eben von außen in eine Situation, erkenne den perfekten Moment, drücke auf den Auslöser und verschwinde wieder. Ich lebe in dieser Kurve. Sie kann eine Stunde dauern oder auch eine Woche.“
Nun ist Sebastião Salgados Kurve an ein Ende gelangt.
ENDE