Urlaub und Ausbeutung

Urlaub und Ausbeutung

Sie schuften auf Baustellen, in der Landwirtschaft und im Gastgewerbe. Sie putzen Hotelzimmer, kellnern in Restaurants oder arbeiten in den Küchen der Resorts. Alle gemeinsam sorgen sie dafür, dass die Tourist*innen aus Europa und Nordamerika einen unbeschwerten Karibikurlaub genießen können: Rund eine Million Haitianer*innen – etwa zehn Prozent der haitianischen Bevölkerung – arbeiten in der Dominikanischen Republik und tragen so wesentlich zum Tourismusboom des Landes bei. Was die meisten Urlauber*innen nicht ahnen: Die Arbeiter leben in ständiger Unsicherheit und Angst vor einer Abschiebung.

Jackson Bouzy ist einer von ihnen. Er verließ Haiti in der Hoffnung, in der Dominikanischen Republik Geld zu verdienen und damit ein erträumtes Jurastudium bezahlen zu können. In seiner Heimat sah er keine Perspektive mehr für sich. Haiti ist das ärmste Land des amerikanischen Kontinents, geplagt von Korruption, brutaler Bandengewalt und einem so gut wie zusammengebrochenem Staat. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt laut Weltbank unter der Armutsgrenze, und nur jeder Zweite hat Zugang zu sauberem Trinkwasser. Wahlen sind in der anhaltenden Gewaltspirale unmöglich. Bouzy wollte weg.

Er zahlte umgerechnet rund 350 US-Dollar an einen Schlepper, der ihn und weitere Haitianer vom südlichsten Grenzübergang Haitis in die dominikanische Touristenhochburg Punta Cana im Osten der Insel brachte. Mit einem Teil des Geldes seien auf dem Weg immer wieder Grenz- und Migrationsbeamte bestochen worden, erzählt Bouzy.

In Punta Cana angekommen, fand er schnell Arbeit. Rund 160 All-inclusive-Resorts und Hotels reihen sich an der Küste entlang und von den etwa 8,5 Millionen Touristen, die 2024 die Dominikanische Republik besuchten, verbrachten zweidrittel ihren Urlaub hier. Bouzy begann im Gastronomiebereich eines Fünf-Sterne-Resorts einer spanischen Hotelkette zu arbeiten. Anderthalb Jahre lang servierte er Gästen aus aller Welt das Essen, bis ihn die Migrationspolizei, die Dirección General de Migración (DGM), aufgriff und abschob.

Er wurde ein weiteres Opfer der dominikanischen Einwanderungspolitik, die unter Präsident Luis Abinader so rigoros wie nie zuvor ist – mit besonderem Fokus auf Migranten aus Haiti. 2022 begann der Bau einer Grenzmauer zum Nachbarland, 2023 wurden etwa 250.000 Haitianer abgeschoben, darunter mehr als 20.000 Kinder und Jugendliche.

Diese restriktive Linie findet in der dominikanischen Bevölkerung große Zustimmung. Nach seiner Wiederwahl kündigte Abinader Ende 2024 an, nun wöchentlich 10.000 Haitianer abzuschieben. Die DGM versucht seitdem, diese Vorgabe zu erfüllen – vor allem durch Kollektivabschiebungen. Die Regierung wischt den Einwand beiseite, dass diese gegen die inter-amerikanische Menschenrechtskonvention verstoßen.

„Wir können nicht die Probleme Haitis lösen“, sagt Präsident Abinader. Gleichzeitig kursiert im Land das Narrativ, dass die Haitianer Kriminalität und Krankheiten ins Land brächten oder dass beide Völker kulturell nicht zusammenpassten.

In Haiti hat man unterdessen mit den Folgen der massiven Abschiebungen zu kämpfen: Tausende Menschen, die über die Grenze kommen – häufig mittellos und weit entfernt von ihren Herkunftsorten. Eine der wenigen Organisation, die hilft, ist die Groupe d’Appui aux Rapatriés et Refugiés (GARR) – zu deutsch: Hilfsgruppe für Repatriierte und Flüchtlinge. Mit Unterstützung von Misereor unterhält sie ein Aufnahmezentrum im Grenzort Belladère, in den täglich 300 Menschen abgeschoben werden.

„Wir kümmern uns um besonders Schutzbedürftige: Kinder, Schwangere, auseinandergerissene Familien und Menschen, die aus Orten stammen, in die sie wegen der Sicherheitslage nicht reisen können“, erklärt GARR-Chefkoordinatorin Colette Lespinasse. Die Organisation gibt ihnen Nahrung, Hygieneartikel, psychosoziale Unterstützung und leistet gesundheitliche Versorgung. „Es kommen zurzeit sehr viele Menschen, die Situation ist angespannt“, sagt Lespinasse.

Doch die dominikanische Abschiebepolitik steht in einem paradoxen Widerspruch zum Bedarf an billigen Arbeitskräften des Landes, auch in der Tourismusbranche.

„Viele Gäste stammten aus Deutschland, Italien und den USA“, erinnert sich Jackson Bouzy an seinen Job als Kellner in einem Hotelrestaurant. Sechs Tage in der Woche habe er jeweils neun Stunden lang gearbeitet und umgerechnet 285 Euro Monatslohn erhalten. „Manchmal gaben die Touristen auch Trinkgeld.“

Mit dem Lohn konnte er sich ein WG-Zimmer leisten, Essen kaufen und ein wenig Geld zurückzulegen. „Ich mochte die Arbeit“, sagt er, „ich mochte die Gäste und hatte ein gutes Verhältnis zu meinem Chef.“

Aber oft habe er sich auch aus Angst verstecken müssen, wenn Fahrzeuge der Migrationspolizei in seinem Viertel aufgetaucht seien. „Manchmal spielten wir Domino im Freien und sahen plötzlich, wie andere Haitianer wegrannten. Dann rannten wir auch“, sagt Bouzy.

Für Ana Belique steckt eine „koloniale Logik“ hinter dem Umgang mit den Migranten aus Haiti. „Rechtlose Arbeiter, die in Angst leben, sind leichter auszubeuten und zu kontrollieren“, sagt sie. Belique ist selbst Tochter haitianischer Einwanderer und die Sprecherin von Reconoci.do, einer Organisation, die in der Dominikanischen Republik für die Rechte von Migrant*innen kämpft.

Das ganze System gleiche einer Drehtür, sagt sie. Haitianer*innen würden ins Land geschmuggelt. Sie arbeiteten unter großem Druck, um dann wieder abgeschoben zu werden. Die Enthumanisierung der Arbeiter*innen sei Teil des Systems, sagt Belique. „Es beruht auf rassistischen Kriterien: Bei ihren Razzien und Straßenkontrollen hat es die Migrationspolizei ausschließlich auf Menschen mit dunklerer Hautfarbe abgesehen.“

Als Jackson Bouzy eines Morgens auf dem Weg zur Arbeit war, lief er direkt in die Arme einer DGM-Patrouille. Er habe kein Visum vorzeigen können und sei sofort festgenommen worden, sagt er. „Ich versuchte, meinen Chef im Restaurant anzurufen, aber sein Telefon hatte ein Problem. Ich glaube, er hätte mich beschützt.“

Nach der Festnahme wurde Bouzy von den Beamten beschimpft und bedroht, andere Haitianer seien geschlagen worden, erinnert er sich. Zwei Tage lang seien sie eingesperrt gewesen. „Die Beamten wollten uns demütigen, sie sagten, dass wir nach Haiti zurückgehen sollten, um Steine zu fressen.“ Eine Anspielung darauf, dass besonders arme Haitianer*innen in Hungerzeiten aus Verzweiflung eine Art Plätzchen aus Lehm essen.

Schließlich seien er und anderen über den Grenzübergang von Elías Piña in der Inselmitte nach Haiti abgeschoben worden. Mit etwas Geld, das seine Familie ihm geschickt habe, konnte er sich in seinen Heimatort Ainse-à-Pitres im Süden Haitis durchschlagen. Am Ende hatte er Glück im Unglück, denn seine haitianischen Freunde in Punta Cana schickten ihm das Geld nach, das er in Punta Cana gespart hatte.

Inzwischen lebt Bouzy in einem einfachen Haus in Anse-à-Pitres und verkauft Wasser und andere Lebensmittel. „So komme ich über die Runden“, sagt er. Am liebsten würde er wieder nach Punta Cana gehen, um dort zu arbeiten. „Allerdings nur auf legalem Weg.“ Er weiß jedoch selbst, dass es schier aussichtslos ist, ein Visum zu bekommen, solange die Wirtschaft der Dominikanischen Republik von der Illegalisierung der haitianischen Arbeitskräfte profitiert.