Gabriel da Silva steht auf einer gerodeten Fläche mitten im Dschungel. Aus dem Boden ragt ein Plastikrohr, rundherum sind Reifenspuren zu erkennen. „Ich bin wütend“, sagt da Silva. „Sie haben unseren Wald zerstört, um für ihre Mine zu bohren.“
Anderthalb Stunden zuvor war Gabriel mit einer kleinen Gruppe von Jugendlichen in Soares aufgebrochen, einer Siedlung des indigenen Mura-Volkes im Amazonasgebiet. Sie bestiegen zwei Kanus aus Aluminium und lenkten sie in einen Seitenarm einer Lagune. Von dort ging es zu Fuß weiter durch das dichte Unterholz.
Die Jugendlichen tragen Kameras, mit denen sie nun die Zerstörung dokumentieren. „Wir wollen das Material nutzen, um die Öffentlichkeit auf die Verletzung unserer Rechte aufmerksam zu machen“, sagt da Silva. „Und wir werden andere Mura-Gemeinden darüber informieren, was hier passiert.“
Der 26-jährige Gabriel da Silva ist seit einem Jahr Tuxaua von Soares; das bedeutet so viel wie Ortsvorsteher. Rund 200 Mura-Familien leben verstreut über sein Gemeindegebiet, etwa 60 im zentralen Ort. Dieser liegt auf einer Anhöhe an einer Lagune und besteht aus einfachen Holzhäusern auf Stelzen. Die Anreise aus der Millionenstadt Manaus dauert etwa einen Tag per Auto, Fähre und Boot.
Soares gilt als vergleichsweise entwickelt. Der Ort verfügt über einen Stromanschluss und Internetzugang. Es gibt eine kleine Gesundheitsstation und eine Schule für indigene Kinder und Jugendliche. Ein Brunnen sorgt für Frischwasser. Die Menschen ernähren sich vor allem von Reis, Bohnen und dem Fisch aus der Lagune.
Gabriel da Silva erzählt, dass das Mura-Volk rund 18.000 Menschen zählt, die weit verstreut in einer von Flüssen und Lagunen durchzogenen Region leben. „Die Mura mussten im Lauf der Geschichte immer wieder vor der Gewalt weißer Siedler fliehen“, sagt er. „Unsere Gemeinschaften wurden zerrissen und geschwächt.“
Die Folge ist ein Kulturverlust, der bis heute spürbar bleibt. In Soares sind kaum noch indigene Traditionen wie eine eigene Sprache, Kleidung, Musik oder Tänze erhalten.
Zugleich stehen die Mura weiterhin unter Druck von außen. Dazu gehören die durch den Klimawandel verstärkten Dürren, die die Amazonasregion jedes Jahr heftiger treffen und die Lagune austrocknen lassen. „Die Fische leiden unter der Hitze und dem fehlenden Wasser“, sagt da Silva. „Wir fangen immer weniger.“ Zudem roden Viehzüchter rund um Soares den Wald für Weideflächen, und die kanadische Bergbaufirma Brazil Potash plant in unmittelbarer Nähe den Abbau von Kalium. „Wir wurden nicht einmal konsultiert“, sagt der Tuxaua.
Gerade viele junge Mura wollen diese Entwicklungen nicht länger hinnehmen. Unter ihnen ist ein neues indigenes Bewusstsein entstanden, das sowohl den Schutz des Amazonaswaldes als auch die Wiederbelebung kultureller Traditionen umfasst.
Zu diesem Zweck haben sich junge Mura aus verschiedenen Dörfern in der Juventude Indígena Mura (JIM) zusammengeschlossen. Gabriel da Silva, ein eloquenter und zugewandter junger Mann, gehört zu ihren Sprechern. Auch deshalb wurde er zum Tuxaua von Soares gewählt: weil er sich klar gegen die Mine positioniert hat.
Für ein Wochenende hat er junge Mura aus anderen Dörfern zu einem Workshop über audiovisuelle Kommunikation nach Soares eingeladen. Sie sind im „Netzwerk der Mura-Kommunikatoren“ organisiert. „Wir wollen dem Rest der Welt den Kampf der Mura für die Umwelt zeigen“, sagt Gabriel.
Mit Digitalkameras brechen die jungen Mura am nächsten Tag zur Bohrstelle von Brazil Potash im Dschungel auf. Sie fotografieren, filmen und drehen ein Video, in dem sie mit erhobenen Fäusten auf der gerodeten Fläche stehen. „Resistir é existir!“, rufen sie – Widerstand leisten heißt leben.
Brazil Potash plant, im Amazonaswald Kalium zu fördern, das für die Herstellung von Düngemitteln benötigt wird. Wie bei vielen Großprojekten werden der lokalen Bevölkerung Arbeitsplätze und Entwicklung versprochen. Deshalb befürworten manche Menschen die Mine, vor allem in Autazes, der nächstgelegenen Stadt.
Die 19-jährige Mura-Kommunikatorin Raquel Santos glaubt nicht daran. „Sie reden vom Fortschritt, aber sie haben keine Vorschläge, die gut für uns sind. Für die Regierung mag das Projekt wichtig sein, für uns ist es ein Desaster. Wohin fließt der Profit aus der Mine? In die Taschen ausländischer Investoren. Und bei uns nehmen Umweltzerstörung und soziale Probleme weiter zu.“
Besonders empört sind die jungen Mura darüber, dass ihr Recht auf Mitsprache missachtet wurde. Für Entscheidungen über ihr Land haben sie ein detailliertes Konsultations- und Einwilligungsprotokoll erarbeitet. „Es wurde einfach ignoriert“, sagt Gabriel da Silva.
Auch deshalb gelang es den Mura mit Unterstützung des Indigenen Missionsrats, die brasilianische Staatsanwaltschaft einzuschalten. Diese ficht nun die staatlichen Genehmigungen für Brazil Potash an. Sie erlauben unter anderem Probebohrungen, den Bau eines Binnenhafens und einer 13 Kilometer langen Straße durch den Dschungel.
Die Ablehnung der Kalium-Mine ist eng verbunden mit der Forderung nach einer Terra Indígena (TI), also einem offiziell anerkannten Indigenengebiet. Dieser Schutzstatus ist der höchste, den die brasilianische Verfassung vorsieht, doch seine Ausweisung kann Jahrzehnte dauern. Im Fall der TI „Lago do Soares e Urucurituba“ begann das Verfahren erst im August 2023 und liegt derzeit auf Eis, weil ein Gesetz im brasilianischen Kongress neue Ausweisungen blockiert.
Unterdessen erhält Gabriel da Silva Drohungen. „Ich bekam anonyme Nachrichten, in denen stand, man werde mich töten“, sagt er. „Aber ich habe keine Angst, weil wir gemeinsam kämpfen. Wir sind ein Kollektiv.“
Das Minenprojekt ist jedoch nicht die einzige Front. Am nächsten Morgen fahren die jungen Mura mit ihren Kameras in einen Seitenarm der Lagune, aus dem sie beunruhigende Nachrichten erreicht haben. Dann der Schock: Ein Waldstück wurde vollständig niedergebrannt, verkohlte Baumstümpfe ragen aus dem Boden. Ein Viehzüchter hat den Wald abgefackelt, um dort Büffel weiden zu lassen. Es war eines von mehr als hunderttausend Feuern, die 2024 zu einem traurigen Rekord an Bränden im Amazonasbecken führten. Rund 25 Millionen Hektar Regenwald wurden zerstört.
Gabriel und seine Begleiter gehen über die kahle Fläche und dokumentieren die Verwüstung. Die Jugendlichen schweigen. „Vor Kurzem stand hier noch Wald“, sagt Gabriel leise. „Meine Großmutter kam in diesen Wald, um Früchte und Nüsse zu sammeln. Jetzt wächst hier nur noch Weidegras. Wenn der Wald stirbt, sterben auch wir Indigenen.“