Ailton Alves Lacerda Krenak, 71, Autor, Umweltschützer und Philosoph, gehört zu den bedeutendsten Stimmen der indigenen Völker Brasiliens. Er wurde bekannt, als er sich Ende der 1980er für die Verankerung indigener Rechte in der neuen Verfassung einsetzte. 2024 wurde er als erster Ureinwohner in die Brasilianische Akademie der Literatur aufgenommen wurde.
Zuvor veröffentlichte er eine Trilogie kurzer Bände, in denen er Kritik am westlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodel formuliert und Lösungsansätze aus indigener Perspektive sucht. Der erste Band, „Ideen, um das Ende der Welt zu vertagen“, wurde in Brasilien zum Bestseller und in mehrere Sprachen übersetzt.
Foto: Florian Kopp
Herr Krenak, Brasilien brennt. Noch nie wurden landesweit so viele Feuer registriert wie in diesem Jahr. Der Amazonaswald, das Pantanal und der Cerrado stehen in Flammen. Die Vernichtung der Wälder erreicht neue Rekorde.
Es scheint, als wollten die Weißen der Erde den Todesstoß versetzen. Wenn der Wald brennt, brennt die ganze Welt. Diese Vorstellung findet sich in den Kosmovisionen aller indigenen Völker. Bei den Yanomami bedeutet das Wort „Wald“ zugleich „Welt“. Diese Feuer sind Terrorakte. Es stecken Kriminelle dahinter: Großgrundbesitzer, Viehzüchter, Landräuber. Oft geht es um Landspekulation. Das organisierte Verbrechen greift immer stärker nach Amazonien. Es mischt im illegalen Holzhandel mit, dem Raub öffentlicher Ländereien und der Goldsuche.
Zusätzlich erlebte Brasilien eine Rekorddürre in der Amazonasregion – im Regenwald regnet es nicht mehr.
Das Klima verändert sich spürbar. Zunächst gab es zu wenig Regen in den Einzugsgebieten der Andenflüsse, die das Amazonasbecken speisen. Mächtige Flüsse wie der Rio Madeira schrumpften zu Rinnsalen. Dann führte die anhaltende Abholzung zu einem Ausbleiben der Wolkenbildung. Amazonien hat noch nie solch eine Dürre und Hitze erlebt. Viele Menschen in den Städten nehmen das jedoch nicht wahr. Sie werden erst aufwachen, wenn die Lebensmittel knapp werden und ihnen Wasser fehlt. Wenn der Strom ausfällt und alles um sie herum in Flammen steht.
Machen Sie sich Sorgen um das Überleben der indigenen Völker?
Nein, meine Sorge gilt den Weißen. Wir Indigenen haben 500 Jahre Gewalt und Kolonialisierung überlebt, aber die Weißen zerstören sich selbst. Der Rauch ihrer Brände zieht in die Städte und macht das Atmen dort lebensgefährlich. Vor einem halben Jahr verwüsteten Überschwemmungen den Süden Brasiliens. Am stärksten waren die Orte am Guaíba-Fluss betroffen. Der Name stammt von dem Tupi-Wort kûaíba. Es bedeutet „schlechte, sumpfige Bucht“. Die Indigenen wussten, dass man dort nicht siedelt. Aber die deutschen und italienischen Einwanderer ließen sich nicht davon beeindrucken. Die Indigenen sagten: Ihr wollt unser Land haben, aber es ist nicht unser Land, es ist das Land des Wassers.
Nomen est omen?
Kennen Sie den Küstenort, an dem die beiden Atomkraftwerke Brasiliens stehen und derzeit ein drittes gebaut wird? Er wurde von den Indigenen Itaorna getauft. Die Vorsilbe ita bedeutet Felsen in Tupi-Guarani. Und orna heißt weich oder verrottet. Brasiliens Atomkraftwerke stehen auf unsicherem Grund.
Es zeigt sich ein grundlegend anderes Verständnis der Welt.
Wir müssen die Erde fragen, was sie will, statt sie unserem Willen zu unterwerfen. Wenn wir es nicht tun, hat es Konsequenzen.
Sie sind dieses Jahr als erster Ureinwohner in die altehrwürdige Brasilianische Akademie der Literatur mit ihren nur 40 Mitgliedern aufgenommen worden. Waren Sie überrascht?
Ja, weil ich ja gar kein Schriftsteller bin, sondern Geschichtenerzähler. Bis zu meinem 20. Lebensjahr konnte ich nicht lesen und schreiben. Ich habe es mir selbst beigebracht. Aber meine größtes Talent ist das mündliche Erzählen. Ich stehe in einer oralen Tradition. Die Texte aller meiner Bücher basieren auf Reden, meine Literatur wird aus dem Mund geboren.
Bedeutet ihr Aufnahme in die Akademie einen Wandel im Umgang mit Brasiliens Ureinwohnern?
Mit mir ziehen endlich die indigenen Stimmen, die über Jahrhunderte unterdrückt wurden, in diese Institution ein. Meine Texte sind kurz und handeln vom schlechten Zustand der Welt. Sie sind in freundlicher Sprache verfasst, aber es sind Texte zum Unwohlsein. Sie fordern zu radikalen Veränderungen im Denken und Handeln auf. Dass das ankam, überraschte mich – und es freute mich, weil es zeigt, dass wir Indigenen gehört werden.
Mit ihrem kleinen Band „Ideen, um das Ende der Welt zu vertagen“ landeten Sie 2019 einen Überraschungserfolg. Es ist ein Pamphlet gegen die Idee einer globalisierten Menschheit, in der alle Menschen die gleiche Kultur und Sprache und den gleichen Geschmack haben. Der Text verkaufte sich in Brasilien mehr als 50.000 mal und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Haben sie einen Nerv getroffen?
Viele Menschen spüren, dass wir von einer Erzählung eingelullt werden, die besagt dass wir zu einer einzigen Menschheit gehören. Diese Menschheit ist im Kern kolonial und patriarchalisch und auf Geld und Waren fixiert. Es ist eine merkantile Menschheit und die Wertschätzung eines Menschen für den anderen erfolgt unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Aber wie können wir diese schöne neue Menschheit sein, wenn mehr als die Hälfte von uns in Armut lebt? Wenn nicht zählt, was sie erlebt und zu sagen hat? Die Modernisierung hat die Abermillionen Menschen aus den Wäldern und vom Land vertrieben, damit sie heute in Favelas und an den Peripherien der Städte leben. Sie wurden in diesen Mixer namens globalisierte Menschheit geworfen. Aber wenn sie keine Verbundenheit mehr mit ihre Herkunft haben, wenn sie keine Sprache und kein Gedächtnis mehr haben, dann werden sie verrückt.
Eine Folge der Globalisierung ist der Verlust der indigenen Sprachen. Man schätzt, dass seit der Ankunft der Portugiesen in Brasilien um das Jahr 1500 mehr als 1100 indigene Sprachen verschwunden sind. Heute existieren noch etwas mehr als 200. Welchen Stellenwert haben sie?
Sie werden als minderwertig betrachtet. In Brasilien ist nur das Portugiesische als offizielle Sprache anerkannt, obwohl es hier die größte sprachliche Vielfalt Südamerikas gibt. Bis in die 1980er Jahre sagte man, dass jemand nicht spräche, wenn er kein Portugiesisch konnte. Indigene Sprachen galten nicht als Sprachen. Während der Militärdiktatur zwischen 1964 und 1985 war es verboten, sie zu sprechen. Erst in der Verfassung von 1988 wurden auf mein Betreiben hin das Recht der indigenen Völker auf Ausübung ihrer Muttersprachen und ihrer Kulturen verankert.
Ihre Muttersprache ist das Krenak.
Ja, aber ich beherrsche es leider nur passiv. Das Krenak-Volk zählt heute rund 700 Menschen, und unsere Sprache wird nur noch von den alten Frauen gesprochen. Wir haben eine Geschichte voller Brüche, Flucht und Gewalt. Die Portugiesen behaupteten, dass die Krenak Kannibalen seien und verfolgten sie. In der Militärdiktatur steckte man uns in Arbeitslager. Immer wieder wurden die Krenak auseinandergerissen, mussten die Männer flüchten vor Holzfällern und Viehzüchtern.
Wie haben es die Krenak geschafft, als Volk zu überleben?
Erstens, weil wir uns als Kollektiv sehen. Die jungen Indigenen lernen die Traditionen unserer Vorfahren kennen. Sie sollen sich als Teil unseres Volks betrachten. Sie können trotzdem neue Wege gehen, Anwälte oder Ärzte werden, aber es ändert nichts daran, wer sie sind. In der Kultur der Weißen ändert es alles. Man zieht an einen exklusiven Ort, genießt Privilegien, fühlt sich als etwas Besonderes. Wir Indigenen existieren nicht außerhalb unserer Gruppen. Ich habe als Kind oft gehört: „Vergiss nicht, woher du kommst. Sonst verläufst du dich auf deinem Weg.“ In einer zunehmend erodierenden Welt wirkt das gegen die westliche Idee vom persönlichen Erfolg, die zu einer Aufblähung des Egos und zur Vereinzelung führt.
Und zweitens?
Die Verbundenheit mit der Erde stärkt unsere Widerstandskraft. Wissen Sie, was der Name meines Volkes bedeutet? Kren heißt Kopf und nak ist die Erde. Wir sind aus Erde gemacht. Die Europäer glauben, dass der Mensch eine Sache ist und die Natur eine andere. Wir wissen, dass wir eins sind.
Haben Sie ein Beispiel für diese Verbundenheit?
Ich lebe mit meiner Familien am Ufer des Rio Doce. Wir nennen den Fluss Watu und singen für ihn: Du gibst uns Nahrung, du gibst uns Gesundheit, du kümmerst dich um unsere Kinder. Wenn ein Baby 30 Tage alt ist, wird es ins Wasser des Watu getaucht. Es ist eine Art Impfung. Aber jetzt geht das nicht mehr, weil der Watu verseucht wurde. 2019 flossen Millionen von Kubikmetern Giftschlamm aus einer Eisenerzmine des Vale-Konzerns bei dem Ort Brumadinho in den Fluss. Der Watu ist gestorben, sagen die Krenak.
Brasiliens Indigene haben zuletzt kritische Jahre durchlebt. Ex-Präsident Jair Bolsonaro erklärte sie zu Feinden des Fortschritts. Jetzt ist Lula da Silva Präsident, ein Linker. Er hat versprochen, die Interessen der Ureinwohner ernst zu nehmen. Dennoch werden indigene Reservate angegriffen.
Die Attacken sind nicht mehr dieselben wie unter Bolsonaro. Unter Lula gibt es erstmals ein Ministerium für Indigene Völker. Auch das Umweltministerium wurde gestärkt. Das spürt man schon. Und dennoch halten sich die Holzfäller, Viehzüchter und Goldsucher vielerorts weiterhin für die eigentlichen Herren und attackieren uns. Klar ist auch, dass Lula ein Entwicklungspolitiker alten Stils ist. Er will wirtschaftlichen Fortschritt und denkt die Umwelt nicht mit.
In Brasilien wird derzeit diskutiert, ob in der Amazonasmündung Öl gefördert werden soll. Präsident Lula befürwortet das.
Es wäre eine Tragödie mit Ankündigung. Wir erreichen gerade ein weiteres Stadium in der Ausbeutung des Amazonasbeckens, die vor 500 Jahren begann. Nach dem Kautschukboom, dem Goldrausch, der Abholzung und der Umwandlung des Dschungels in Agrarfläche wuchert das Geschwür nun tiefer in die Erde hinein. Es entspricht der Dynamik des globalisierten Kapitalismus, der der Erde alles entreißt, was sich zu Geld machen lässt. Es ist die Fortsetzung des Kolonialismus.
Warum sind Sie so gefragt? Das Publikum strömt zu ihren Auftritten, sie tauchen ständig in den Medien auf, es gibt Dokumentarfilme über Sie.
Das westliche Denken steckt in einer Sackgasse. Der westliche Mensch hat immer das Gefühl, dass ihm etwas fehlt, er kann nie zufrieden sein. Ihm wird ständig vermittelt, dass er nicht genug leistet. Jetzt kriegt er Panik, weil er spürt, dass sein Lebensstil in die Katastrophe führt. Er weiß nicht, was auf ihn zukommt, aber er hat Angst. Er glaubt, dass wir Indigenen ihm irgendwie helfen könnten. Die Menschen kommen zu mir, weil sie Trost möchten. Sie wollen hören, dass sie nur etwas nachhaltiger leben müssten – ein bisschen weniger Müll produzieren, ein bisschen weniger Energie verbrauchen –, damit Mutter Erde wieder ins Gleichgewicht kommt. Aber ich habe keinen Trost. Ich habe nur radikale Warnungen. Es ist mein Weg, um das Ende der Welt hinauszuzögern.
ENDE