
Foto: Agencia de Noticias ANDES – CC BY-SA 2.0
Es mag im Ausland verwundern, aber viele Brasilianer sind nicht unglücklich darüber, dass Spielmacher Neymar Jr. für das Spiel gegen die Schweiz an diesem Montag ausfällt. Der Superstar der brasilianischen Seleção hat sich am Knöchel verletzt, und in den sozialen Netzwerken, aber auch im Bekanntenkreis ist eine gewisse Erleichterung darüber spürbar, ihn vorerst nicht mehr sehen zu müssen. Sie reicht bis Häme und offener Freude.
Vielen war der 30-Jährige schon lange vor dieser WM unsympathisch. Er gilt als verwöhntes Bürschchen, das den Kontakt mit der brasilianischen Realität verloren hat; als ein Spieler mit außerordentlichem Talent auf dem Platz aber als oberflächlicher Typ außerhalb, der alles tut, um seine Sponsoren ins rechte Licht zu rücken und seinen Reichtum vulgär zur Schau zu stellt. Bei der WM 2018 verlor Neymar viel Ansehen durch seine Simulations- und Rollorgien, die offenbar dazu dienen sollten, die Kameras auf ihn und seine Ausrüster zu lenken.
Eine ähnliche Szene gab es jetzt zu Beginn der zweiten Hälfte des Spiels gegen Serbien, als Neymar noch mehrere Sekunden auf dem Platz hockte und seine Schuhe band. Mancher erinnert sich wieder an den brasilianischen Ex-Trainer René Simões, der 2010 anlässlich der Eskapaden Neymars warnte: „Wir schaffen ein Monster.“
Andere Brasilianer verteidigen Neymar hingegen und sagen, dass man Sportler nicht unnötig mit Erwartungen überfrachten und Fußball und Politik ohnehin trennen sollte. Allerdings war es Neymar selbst, der für eine Politisierung der Debatte um sich gesorgt hat. Er unterstützte euphorisch Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro bei den Wahlen vor einem Monat (die Bolsonaro gegen den linken Lula da Silva verlor). Damals kündigte Neymar an, dem ultrarechten Staatsoberhaupt sein erstes Tor bei der WM in Katar zu widmen. Hinter dem Statement steckte offenbar auch ein Steuerschuldenerlass, den Neymars Vater mit der Bolsonaro-Regierung ausgehandelt hatte. Viele Brasilianer, die zwar ihrem Team fest die Daumen drücken, grauste es seitdem davor, dass Neymar bei der WM treffen könnte.
Ihr Dilemma hat zunächst Richarlison de Andrade gelöst. Der Stürmer von Tottenham ist das Gegenstück zu Neymar. Er äußert sich immer wieder zu sozialen Themen, forderte beispielsweise die Brasilianer im Widerspruch zu Bolsonaro auf, sich gegen das Corona-Virus impfen zu lassen. Er spendet zehn Prozent seines Gehalts, um Krebskranke zu unterstützen, und drückte nun per Twitter seine Solidarität mit den Opfern eines bolsonaristischen Amokläufers aus, der in einer Schule drei Menschen tötete.
Der 25-Jährige mit dem Spitznamen Taube (nach dem Hiphop-Song „Taubentanz“, zu dem Richarlison gerne tanzte), ermöglicht es vielen Brasilianern wieder, sich mit ihrer Auswahl zu identifizieren und deren knallgelbes Trikot zu tragen. Das Hemd war in den vergangenen Jahren zum Erkennungsmerkmal der ultrarechten bolsonaristischen Bewegung geworden, die seit fast einem Monat vor Militärkasernen demonstriert und einen Putsch sowie die Annullierung des Siegs von Lula da Silva fordert. Nun holen sich die anderen Brasilianer, diejenigen, die progressiv und demokratisch denken, das Trikot zurück. Man sieht es wieder häufig in alternativen Bars und Stadtvierteln.
Richarlison sorgte außerdem mit seinem herrlichen zweiten Treffer gegen Serbien für so etwas wie den emotionalen Startschuss zur WM. Deren Gewinn steht für viele Brasilianer ohnehin nach dem selbstbewussten ersten Auftritt der Seleção fest. Es wäre der sechste WM-Titel für Brasilien, der Hexa. Nie schien er seit dem letzten WM-Sieg im Jahr 2002 greifbarer. An Hauswänden und auf T-Shirts in Rio liest man nun immer häufiger „Rumo ao Hexo!“: Auf zum Sechsten!
Von der Fußball-Euphorie werden die kritischen Themen dieser WM überdeckt, die weitaus weniger diskutiert werden als in Europa. Natürlich haben auch Brasiliens Medien über die vielen asiatischen Wanderarbeiter berichtet, die beim Bau der nutzlosen Stadien und der WM-Infrastruktur ums Leben kamen. Natürlich wissen auch die Brasilianer, dass Homosexualität in Katar verboten ist und verfolgt wird. Und natürlich halten auch die meisten Brasilianer den winzigen Wüstenstaat ohne Fußballtradition für den völlig falschen WM-Ausrichter. Auch sie haben mitbekommen, dass die Fifa kein Vorbild für Transparenz, freie Meinungsäußerung und soziales Engagement ist.
Doch Boykottaufrufe oder Bars, die demonstrativ die Fernsehgeräte bei WM-Spielen abstellen, gibt es in Brasilien nicht. Es hat auch damit zu tun, dass die Brasilianer die negativen Auswirkungen des Fifa-Turniers selbst erlebt haben. Die WM 2014 im eigenen Land war von gigantischen Korruptionsfällen rund um den Stadionbau begleitet; auch hier wurden riesige Arenen in Orten ohne nennenswerte Clubs errichtet. Beim Stadionbau starben damals neun Arbeiter. Der brasilianische Fußballverband CBF gilt wie die Fifa schon lange als korrupt. Wir haben selbst große Probleme, warum sollen wir uns über Katar aufregen? So könnte man die Haltung zusammenfassen.
Auch Homophobie gehört hier zum Alltag. Insbesondere im konservativen Hinterland und dort, wo evangelikale Kirchen dominieren, werden Homosexuelle offen abgelehnt. In den vergangenen Jahren war es dann Präsident Bolsonaro, der fast wöchentlich mit aggressiven Bemerkungen über Schwule auffiel. Der große Unterschied zu Katar: Homosexuelle sind in Brasilien rechtlich gleichgestellt, sie können seit 2013 heiraten, seit 2019 steht Homophobie unter Strafe. So sehr man sich allerdings rechtlich von Katar unterscheidet, so wenig ist man in Brasilien gewillt, anderen Gesellschaften Vorschriften zu machen und sich moralisch über sie zu erheben.
Die Brasilianer schauen also weniger kritisch auf die WM in Katar und erhoffen sich stattdessen etwas Positives für das eigene Land. Neben dem WM-Titel, der nun endlich wieder einmal her soll, ist es vor allem die Hoffnung auf eine Entspannung der politischen Situation. Viele möchten das Trikot ihrer Mannschaft wieder tragen, um Freude darüber auszudrücken, Brasilianer zu sein und eine tolle Fußballmannschaft zu haben, anstatt politisch Rechtsaußen verortet zu werden.
ENDE