Die Flutkatastrophe in Südbrasilien

Nun werden die Kriegsmetaphern von den brasilianischen Medien bemüht: vom Invasor, der schnell und überraschend und mit voller Wucht gekommen sei, ist die Rede; ein Invasor, der Verkehrswege abgeschnitten und die Infrastruktur zerstört habe, sodass die Bevölkerung schutz- und orientierungslos gewesen sei; der mit solch einer hohen Geschwindigkeit zugeschlagen habe, dass die Behörden keine Zeit zum Reagieren gehabt hätten.

Die Rede ist vom Wasser, das im südlichsten brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul für die schlimmsten Überschwemmungen in der Geschichte des Landes gesorgt hat. Die Wassermassen wurden von Tiefausläufern aus dem Südatlantik herangetragen, die von einer atmosphärischen Blockade als Folge einer anormalen Hitzewelle auf ihrem Weg nach Norden gehindert wurden. Die Tiefs ließen dann bis dato nicht gemessenen Starkregen über Rio Gande do Sul niedergehen, in einigen Regionen fielen 300 Liter Wasser pro Quadratmeter. Die Konsequenz: Erdrutsche und Flüsse, die in Windeseile über die Ufer traten, gebrochene Dämme, fortgerissene Häuser, Straßen und Brücken.

Porto Alegre, die Hauptstadt des Bundesstaats, liegt im aufgefächerten Mündungsgebiet des Rio Jacuí, der am Ende einer weiten Ebene in den seeartigen Rio Guaiba übergeht. Die Millionenstadt steht nun unter braunem Wasser, in vielen Vierteln ragen nur noch Hausdächer aus den Fluten, der Flughafen und das Fußballstadion sind überschwemmt und unbenutzbar. Das ist umso bemerkenswerter, da die Stadt seit den 1970er-Jahren Schutzmauern, Dämme und hydraulische Strukturen hat, die sie vor Überschwemmungen schützen sollten. Sie wurden jedoch von den Wassermassen überwunden, sind somit für die neue Realität unterdimensioniert.

Die bisherige Bilanz der Katastrophe lautet: 109 Tote, 136 Vermisste, 164.000 Menschen ohne Obdach und rund eine halbe Million Menschen ohne Trinkwasser und Strom. Die ökonomischen Kosten werden vom nationalen Städteverband auf umgerechnet 1,1 Milliarden Euro geschätzt. Erhebliche Schäden hat die Landwirtschaft von Rio Grande do Sul erlitten. Der Bundesstaat produziert 70 Prozent des brasilianischen Reis’ und ist einer der größten Soja- und Schweinefleischproduzenten des Landes.

Brasiliens Heer, Marine und Luftwaffe haben nun fast 12000 Soldaten, 94 Schiffe, 17 Hubschrauber und vier Flugzeuge entsandt. Es ist die größte gemeinsame Operation in der brasilianischen Militärgeschichte. Die Militärs sowie alle anderen Sicherheitsorgane sind seit Tagen im Einsatz, um die Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen, Menschen von Hausdächern zu retten, Straßen freizuräumen und nach Vermissten zu suchen.

Brasiliens Präsident Lula da Silva hat sich mehrfach mit den Spitzen des brasilianischen Staats ein Bild der Lage gemacht und schnelle Hilfe versprochen, etwa vorgezogene Auszahlung von Sozialleistungen: „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was Gott sich dabei gedacht hat“, sagte der 78-Jährige. „Ich weiß nicht, was auf dem Planeten Erde geschieht. Was in Rio Grande do Sul passiert ist, ist eine Warnung an uns Menschen: Wir müssen berücksichtigen, dass die Erde einen Preis verlangt.“ Lula da Silva, Führer der linken Arbeiterpartei (PT) sagte, dass in Brasilien und anderswo auf dem Planeten „seltsame Dinge“ geschähen, aber dass noch Zeit sei, dies zu ändern.

Tatsächlich gilt der Klimawandel und die energetische Aufladung des Atlantiks durch immer mehr Wärme als einer der Hauptgründe für die Extremwetterlagen, von denen Brasilien nun immer öfter betroffen ist. Während der landwirtschaftlich wichtige Süden, wo sehr viele Nachkommen deutscher Einwanderer leben, fast jährlich von Extremregen und schweren Stürmen heimgesucht wird, wird es im Südosten, wo die Millionenmetropolen São Paulo und Rio de Janeiro liegen, immer heißer und trockener. Die Folge ist Wasserknappheit, die nicht nur Trinkwassermangel bedeutet, sondern auch zu Engpässen bei der Energieversorgung durch die für Brasilien essenziellen Wasserkraftwerke führt. Im Zentrum Brasiliens, dort, wo die Soja- und Fleischindustrie die Landschaft dominieren, wird es immer wärmer und trockener, weil die fortgesetzte Zerstörung des Amazonaswaldes in weniger Wolkenbildung resultiert.

Dennoch versucht Brasiliens neue Rechte unter Ex-Präsident Jair Bolsonaro jetzt, politischen Profit aus dem Leiden der Menschen zu schlagen. Die Bewegung verbreitet über ihre sehr einflussreichen Kanäle im Internet Zweifel am Klimawandel sowie Lügen über ausbleibende Hilfe, weil angeblich Lebensmittellieferungen von der Regierung blockiert oder Hilfsangebote aus Uruguay abgelehnt würden. Es wird versucht, die Show der Pop-Diva Madonna an Rio de Janeiros Copacabana vom vergangenen Sonnabend zu instrumentalisieren, weil dort angeblich Geld ausgegeben worden sei, das nun für die Hilfe fehle. So absurd es klingen mag, nicht wenige Brasilianer glauben solche Dinge, weswegen Präsident Lula sich gezwungen sah, öffentlich zu widersprechen. Brasiliens Bundespolizei leitete aufgrund der Falschnachrichten sogar eine Untersuchung gegen einen Senator, einen Influencer und den Abgeordneten Eduardo Bolsonaro ein, Sohn des Ex-Präsidenten.

Ein Streit ist auch über die Schuld für das Ausmaß der Katastrophe entbrannt, weil die konservative Regierung in Rio Grande do Sul in den vergangenen Jahren gegen den Rat von Umweltschutzorganisationen Gesetze zum Umweltschutz zugunsten der Wirtschaft flexibilisiert hat. Dies, obwohl Rio Grande do Sul schon 2023 der Bundesstaat mit der höchsten Zahl an Notstandsverordnungen aufgrund von Regen in Brasilien war. Bereits 2022 hatte Marcelo Dutra da Silva, Professor für Ökologie an der Bundesuniversität von Rio Grande do Sul (UFRGS), öffentlich vor der extremen Zunahme der Niederschlagsmengen in Südbrasilien gewarnt. Diese seien seit 2013 zu beobachten. Man müsse sich jetzt die Frage stellen, ob Orte an Flussläufen noch bewohnbar seien, zitiert ihn die alternative Informationsplattform „Midia Ninja“.

Die Klimapolitik-Expertin Natalie Unterstell fasst die Situation so zusammen: „Was in Rio Grande do Sul passiert, ist keine traurige Ausnahme, sondern unsere neue Realität. Wir müssen erkennen, dass wir von einer Infrastruktur, einem System, einer Politik und Gebäuden abhängig sind, die für ein Klima geschaffen wurden, das nicht mehr existiert. Wir verlassen uns auf Systeme, die nicht in der Lage sind, uns zu schützen.“

ENDE