Hungernost unter den Yanomami

In Brasiliens größtem Indigenem-Reservat ist eine Hungersnot unter dem Volk der Yanomami ausgebrochen. Schuld an der humanitären Katastrophe sind rund 20000 illegale Goldgräber, die von der Vorgängerregierung unter Jair Bolsonaro ermutigt wurden, das Reservat zu besetzen. Präsident Lula da Silva hat rasche Hilfe versprochen. Die Eindringlinge sollen aus dem Reservat vertrieben werden.

Es sind Bilder, wie man sie in Südamerika nicht mehr kannte: Kinder mit aufgedunsenen Bäuchen, hervorstechenden Rippen, Gelenken, die breiter sind als Arme und Beine, großen, stillen Augen; dann abgemagerte Alte, die sich kaum noch aufrecht halten können. Es sind die Bilder von Hunger und Krankheit, die aus der brasilianischen Amazonasregion um die Welt gehen. Betroffen ist das indigene Volk der Yanomami, das rund 35000 Menschen zählt. Die große Mehrheit lebt über Hunderte Dörfer verteilt im größten Indigenenreservat Brasiliens, der Rest im angrenzenden Venezuela.

Der Grund für Hunger und Krankheit: Die Yanomami sind seit einigen Jahren einer Invasion illegaler Goldgräber ausgesetzt. Diese bedrohen die Yanomami, verseuchen die Umwelt und schleppen Infektionskrankheiten ein und verbreiten Alkohol.

Laut Angaben der Plattform Sumauma sind 570 Yanomami-Kinder unter fünf Jahren in den vergangenen vier Jahren an Unterernährung und Krankheiten wie Malaria, Diarrhö, Pneumonie sowie Parasitenbefall gestorben. „Wir schaffen es nicht, die Körper zu zählen“, wird ein Indigener zitiert.

Offenbar herrschte im Reservat ein Mangel an dem Malaria-Medikament Chloroquin, weil es von Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro während der Corona-Pandemie als Wundermittel gegen Covid-19 angepriesen wurde. Landebahnen für Flugzeuge des indigenen Gesundheitsdienstes Sesai wurden von den Goldgräbern besetzt. Es gibt Berichte, dass die Goldgräber indigene Frauen und Mädchen zur Prostitution zwangen und ihnen im Gegenzug Nahrung versprachen.

Trotz zahlreicher Warnungen vor einer humanitären Katastrophe im Yanomami-Reservat handelte die Bolsonaro-Regierung nicht. Immer mehr Goldgräber machten sich in dem streng von der Verfassung geschützten Reservat breit, mehr als 20.000 Eindringlinge sollen es mittlerweile sein.

Schon vor seinem Amtsantritt hatte Bolsonaro immer wieder bekundet, dass er die Reservate für die wirtschaftliche Ausbeutung öffnen will, insbesondere das Land der Yanomami. Die Indigenen verglich Bolsonaro mit „Tieren im Zoo“.

Zwar sind viele der Goldgräber selbst oft mittellose Wanderarbeiter aus anderen Regionen Brasiliens, doch hinter ihnen stehen finanzstarke Investoren und Mafias. Diese bezahlen die notwendigen Pumpen, Bagger, Schläuche, Boote, Benzin, Nahrung und Waffen. Mit den Jahren wuchsen die Goldgräber-Camps im Yanomami-Reservat immer weiter. Es wurden Landepisten errichtet, es gibt Geschäfte, Bars und Internetverbindungen.

Die Goldgräber waschen den Boden metertief aus; oder sie saugen von schwimmenden Plattformen den Flussboden ab. Die Flüsse der Region verseuchen sie mit dem Schwermetall Quecksilber, das benötigt wird, um die Goldkrumen vom Schlamm zu trennen. Quecksilbervergiftungen sind deswegen heute im Amazonasbecken selbst bei fernab im Urwald lebenden Indigenen häufig, auch bei den Yanomami. Viele Flussgemeinden sind dadurch gezwungen, ihre Ernährung umzustellen und auf Fisch zu verzichten. Die Gruben wurden wiederum zu Brutstätten für Moskitos. Mehr als 11.000 Malaria-Fälle gab es 2022 unter den Yanomami laut Sesai.

In den vergangenen Jahren bedrohten die Goldgräber die Yanomami immer offener, insbesondere nachdem die Ureinwohner Anfang 2021 einen illegalen Treibstofftransport gestoppt hatten. Daraufhin wurden ihre Dörfer mit Schusswaffen attackiert, indigene Führer wurden mit dem Tode bedroht, die Kanus fischender Yanomami wurden durch Motorboote zum Kentern gebracht, einmal sollen Kleinkinder auf der Flucht ertrunken, andere in die Sauganlage einer schwimmenden Goldsucherplattform geraten sein. Bedrohung und Krankheiten führten dazu, dass die sozialen Gefüge der Ureinwohner nicht mehr funktionieren sowie die traditionell im Wald gelegenen Felder aufgegeben wurden. Auch gejagt wurde weniger.

Nachdem jetzt die ersten Bilder der kranken und hungernden Yanomami öffentlich wurden, reiste Brasiliens Präsident Lula da Silva in den Bundesstaat Roraima, auf dessen Gebiet ein Teil des Yanomami-Reservats liegt. Er traf indigene Vertreter und versprach, dass die Regierung helfen werde. Lula machte seinen Vorgänger Bolsonaro für das „vorsätzliche Verbrechen“ verantwortlich. So flossen Gelder, die für indigene Belange vorgesehen waren, an ultrakonservative evangelikale Kirchen. Bolsonaro ignorierte zudem mehr als 20 Hilfsgesuche der Yanomami und sogar gerichtliche Aufforderungen, gegen die kriminellen Goldgräber vorzugehen. Er kommentierte die Bilder der abgemagerten Ureinwohner mit den Worten, dass es sich um eine „linke Farce“ handle. In ihren Netzwerken verbreiten die Bolsonaristen die falsche Behauptung, dass die Fotos Yanomamis aus dem sozialistischen Venezuela zeigten.

Justizminister Flavio Dino kündigte nun eine Untersuchung gegen Bolsonaro sowie ehemalige Minister und Behördenchefs wegen des Verdachts auf „Genozid“ durch unterlassene Hilfeleistungen, Veruntreuung und Umweltzerstörung an. Offenbar machte das Militär in der Region gemeinsame Sache mit den Goldgräbern. Dino versprach außerdem eine große Operation der Sicherheitsbehörden, um die illegalen Goldgräber aus dem Reservat zu entfernen.

Der bekannte Yanomami-Führer Davi Kopenawa sagte: „Es sind nicht nur die Ureinwohner, die sterben werden. Der Wald wird sterben, die Flüsse werden verseucht und auch in den Städten wird es von jetzt an immer schlechter werden. Ihr seid noch geschützt, aber nur, weil wir Ureinwohner noch leben.“

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