Klima, Konferenz, Konflikte

Klima, Konferenz, Konflikte

Vilmar de Castro versteht die Welt nicht mehr. In der Mittagshitze betritt der Landwirt die Halle mit seinem Maschinenpark: mehrere Traktoren, Sämaschinen und ein GPS-gesteuertes Sprühfahrzeug stehen darin. De Castro streicht über die Verkleidung seines wertvollsten Stücks: ein knallgelber Mähdrescher der Marke New Holland, 245 PS. „Ich arbeite von früh morgens bis zum Sonnenuntergang“, sagt er. „Ich produziere, zahle Steuern, bringe das Land voran und ernähre Menschen. Warum soll ich nun ein Problem sein?“

Der 52-jährige de Castro ist Mais- und Sojabauer in der Nähe des Städtchens Belterra im brasilianischen Bundesstaat Pará. Mit 220 Hektar Land zählt er hier zu den eher kleinen Landwirten. Seine Ernte verkauft er an Agrarkonzerne wie den US-Multi Cargill, der sie exportiert – vor allem nach China und andere asiatische Länder, aber auch in die EU. Dort werden de Castros Sojabohnen und Maiskörner an Masttiere verfüttert und kommen schließlich zu Fleisch „veredelt“ auf den Teller der Verbraucher.

Es ist ein alltäglicher Ablauf in unserer globalisierten Ökonomie und wäre nichts Besonderes – wenn de Castros Äcker nicht mitten im Amazonaswald lägen. Dort, wo er heute Totalherbizide versprüht, erhoben sich noch vor zwanzig Jahren Urwaldriesen, durch die sich die Affen hangelten. Doch von der Wildnis sind nur noch rechteckige Parzellen übrig geblieben – wie mit dem Lineal gezogen und exakt so groß, dass sie den gesetzlichen Vorschriften entsprechen. Dazwischen: landwirtschaftliche Monokultur, so weit das Auge reicht.

De Castro ist einer von Tausenden Sojabauern in der Region des unteren Rio Tapajós, einem der mächtigsten Amazonaszuflüsse. Und damit ist er – oder besser gesagt, das Landwirtschaftsmodell, für das er steht – dann doch ein Problem für den Globus, ob er es will oder nicht.

Die Amazonasregion wird in wenigen Tagen im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit stehen, wenn in Belém Regierungsvertreter aus aller Welt zur 30. Weltklimakonferenz zusammenkommen. In der Großstadt am Amazonasdelta, rund 750 Kilometer östlich von de Castros Farm, wollen sie beraten, wie der Klimawandel noch in beherrschbare Bahnen zu lenken sein könnte.

Brasiliens Präsident Lula da Silva hat Belém gezielt zum Austragungsort der Konferenz bestimmt, obwohl die Infrastruktur der Stadt für das Großereignis unzureichend ist. Doch er will den Amazonas als Schlüssel zur Lösung des Klimaproblems präsentieren. Amazonien werde „zur Welt sprechen“, hat Lula angekündigt – und dies mit der Forderung nach Milliardensummen von den reichen Industrienationen verbunden. Er argumentiert, dass der Schutz des Regenwaldes, der ein riesiger CO₂-Speicher ist, nicht allein die Aufgabe Brasiliens sein könne.

Bereits im September stellte er die Tropical Forest Forever Facility (TFFF) vor. Diese soll ähnlich wie ein Investmentfonds funktionieren. Staaten und Investoren zahlen Kapital ein, das am Finanzmarkt angelegt wird. Aus den Erträgen erhalten Länder mit tropischen Wäldern dann regelmäßige Zahlungen – quasi Dschungeldividenden. Rund zwanzig Prozent der Mittel sollen direkt an traditionelle Gemeinschaften fließen.

Es gehört zu den Widersprüchen Brasiliens, dass kurz nach Lulas Ankündigung der halbstaatliche Ölkonzern Petrobras bekannt gab, dass er in der Amazonasmündung nach Öl bohren werde. Während Lula das Vorhaben befürwortet, lehnen es Umweltschützer strikt ab. Sie befürchten ein Umweltdesaster in einem der reichsten Ökosysteme der Welt. Das Klimanetzwerk „Observatório do Clima“ titelte sarkastisch auf seiner Webseite: „Regierung sabotiert COP.“

Lula hingegen rechtfertigt seine Entscheidung damit, dass Brasilien seinen wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt nicht vergessen dürfe.

Tatsächlich ist Brasiliens Amazonasregion nicht nur Wildnis, sondern auch Heimat von rund 30 Millionen Menschen. Viele von ihnen wünschen sich Entwicklung: Straßen, Häuser, Arbeit, Gesundheit, Bildung, Wohlstand, Nutzung der natürlichen Ressourcen – so wie es Europa, Japan und die USA jahrhundertelang vorgemacht haben. Die Rettung des Amazonaswaldes könne nur gelingen, so das Argument, wenn seine Bewohner in Würde leben könnten.

Die Frage bleibt, welche Art von Entwicklung Amazonien verträgt, ohne zerstört zu werden. Rund 20 Prozent des Regenwaldes sind bereits abgeholzt worden; bei 25 Prozent Entwaldung, so schätzen Wissenschaftler, werde ein Kipppunkt erreicht sein, an dem der ständige Kreislauf aus Verdunstung, Wolkenbildung und Regen kollabiere. Dann setze die Versteppung ein – mit weitreichenden Folgen für die ganze Welt.

Haupttreiber der Waldvernichtung sind die Viehwirtschaft und der Sojaanbau. Sie stecken auch hinter Brasiliens ungewöhnlicher Klimabilanz. Denn seine Energie erzeugt das Riesenland größtenteils CO₂-frei, vor allem durch Wasserkraft und zunehmend auch aus Wind. Dennoch ist Brasilien einer der größten Klimasünder. Der Grund: die Umwandlung von Wald in landwirtschaftliche Flächen, bei der enorm viel CO₂ freigesetzt wird. Während im zentralen Teil Amazoniens die Rinderhaltung und Landspekulationen für den Großteil der Abholzung verantwortlich ist, dringt die Sojaindustrie von Süden her in den Wald vor. Es sind Männer wie Vilmar de Castro, die ihre Expansion schier unaufhaltsam vorantreiben.

De Castro ist Nachkomme europäischer Einwanderer, die einst im Süden Brasiliens siedelten. Wie Hunderttausende andere zog es ihn Anfang des Jahrhunderts nach Norden, auf der Suche nach Land und Arbeit. Er folgte dem Ausbau der Bundesstraße BR-163 ins Amazonasbecken. Die BR-163 verbindet Brasiliens Sojakammer, den Bundesstaat Mato Grosso, mit dem boomenden Umschlaghafen Santarém am Amazonas und wird auch Soja-Highway genannt.

Entlang ihrer Ränder erstrecken sich Sojafelder so weit das Auge reicht, einzig unterbrochen von riesigen Getreidesilos, die aus der flachen Landschaft aufragen. Daneben erheben sich die schmucklosen Hallen der Agrarfirmen, die Saatgut, Dünger und Pestizide verkaufen – denn ohne den Einsatz enormer Mengen an Agrarchemikalien wäre die intensive Landwirtschaft in den Tropen gar nicht möglich. Die Trostlosigkeit der Landschaft spiegelt sich in einer Statistik wider: Der Bundesstaat Pará hat die zweithöchste Entwaldungsrate Brasiliens, eine Fläche von der zweieinhalbfachen Größe der Schweiz wurde hier seit 1990 abgeholzt. Es ist der Preis, den Brasilien dafür zahlt, der größte Agrarexporteur der Welt zu sein.

Sogar der Landwirt Vilmar de Castro findet die Entwaldung problematisch. Man müsse ein Gleichgewicht finden, sagt er und widerspricht damit dem Gros seiner Kollegen und ihrer Lobby im brasilianischen Kongress. Dort werden fast monatlich neue Gesetze zur Aufweichung des Umweltschutzes eingebracht. „Ich muss nicht mehr abholzen“, bekräftigt hingegen de Castro. „Ich bin glücklich mit dem, was ich habe.“

Es ist auch deswegen eine erstaunliche Aussage, weil Brasiliens Entwicklungsmodell in Amazonien bislang auf der SChaffung immer neuer Flächen für den Soja-Anbau, die Rinderzucht und die Minenwirtschaft basiert. Es sind die großen Treiber von Brasiliens Wirtschaft, die zum Großteil auf dem Export von Rohstoffen basiert. Ein Umdenken in Richtung Nachhaltigkeit findet in der Politik und Wirtschaft erst ganz allmählich statt, dass also mit einem intakten Wald letztlich viel größerer Reichtum zu erzielen ist, als mit einem zerstörten – auch deswegen, weil die Folgekosten der Zerstörung nie eingepreist werden: Dürren, Artensterben, soziale Konflikte.

Rund 2300 Kilometer weiter westlich – dort, wo Brasiliens Amazonasregion an Bolivien grenzt – hat man ein Modell entwickelt, das genau dies versucht: den Wald und die wirtschaftliche Entwicklung als Einheit zu denken und nicht als Widerspruch. Es ist ausgerechnet eine kleine indigene Gruppe, die den Spagat schafft und damit auch dem weitverbreiteten Vorurteil widerspricht, die indigenen Völker Amazoniens seien wirtschaftlich kaum aktiv und lebten einzige von Subsistenzwirtschaft und staatlichen Hilfen.

Celeste Suruí führt durch die Kaffeestauden auf ihrer Plantage. Sie trägt lange bunte Ohrringen und bezeichnet sich als liderança, als eine Anführerin ihres Volkes, den Paiter-Suruí. Sie erzählt eine Geschichte, die nicht von Abholzung handelt, sondern von Bewahrung. Und von ökonomischem Erfolg.

Rund 1700 Menschen zählen heute zu den Paiter-Suruí, die in einem Reservat leben, das etwas kleiner ist als das Tessin. Es heißt „7. September“, was an den Tag 1969 erinnert, als die Indigenen erstmals Kontakt mit den Weißen hatten. Damals ermutigte die Militärdiktatur Menschen aus dem Süden Brasiliens dazu, im Amazonas zu siedeln, das Motto lautete: „Land ohne Menschen für Menschen ohne Land.“ Die Indigenene wurden einfach ignoriert.

Kurz darauf waren die Paiter-Suruí fast ausgelöscht, dezimiert von eingeschleppten Krankheiten. Von rund 5000 Menschen blieben circa 300 übrig, weswegen sich die Paiter-Suruí heute auch als „Überlebende“ bezeichnen.

Der Weg zu ihnen führt wieder über eine Bundesstraße, die BR-364. Auch hier erstrecken sich rechts und links vom Asphalt stundenlang nur Felder und Viehweiden. Erst als man abbiegt und über eine Staubpiste das Reservat „7. September“ erreicht, steht dort plötzlich wieder dichter und kühler Wald.

Darin beweisen die Indigenen: Man muss den Dschungel nicht zerstören, um Wohlstand zu schaffen. Mit Unterstützung von NGOs haben die Paiter-Suruí auf ihrem Territorium eine funktionierende Waldwirtschaft aufgebaut, in deren Zentrum eine indigene Genossenschaft steht. Über sie vermarkten sie Nüsse, Kakao, Bananen, Öl und Kaffee und haben so einen bescheidenen Wohlstand geschaffen. „Wir sind das Gegenbeispiel zum Rinderwahnsinn da draußen“, sagt Celeste Suruí.

Sie selbst baut Kaffee an – nicht irgendeine Bohne, sondern Spezialkaffee der Sorte „robusta amazônico“. Brasiliens größte Kaffeerösterei „3 Corações“ verkauft ihn als Gourmet-Edition mit dem Namen „Tribos“ – Stämme.

Celeste Suruí führt über ihre kleine Plantage, zeigt das Areal zum Trocknen der Bohnen und die Röstmaschine in einem Schuppen. Rundherum stehen große Bäumen, in denen krächzende Aras nisten. Pestizide setzt Celeste Suruí nur bei akutem Schädlingsbefall ein. „Wenn der Wald gesund ist, geht es auch dem Kaffee gut“, lautet ihr Motto.

Doch die 24-Jährige ist kurz angebunden, sie hat eine weite Reise vor sich. Sie muss nach São Paulo, denn dort findet eine Preisverleihung statt, zu der sie als Vertreterin der indigenen Kaffeebauern eingeladen wurde. Ein Paiter-Suruí aus ihrem Reservat hat bei einer Verkostung mit seinem Kaffee die Maximalnote von hundert Punkten erreicht – eine kleine Sensation.

Wahrscheinlich aber wären solche Erfolge ohne die Beharrlichkeit eines Mannes nicht möglich: Almir Suruí ist der Kazike, das Oberhaupt der Paiter-Suruí, und es gelingt ihm regelmäßig, finanzielle Unterstützung für die Projekte seiner Gemeinschaft zu akquirieren. Er tritt – mit Federschmuck und Smartphone – erfolgreich als Mittler zwischen den Welten auf, er spricht die Sprache der Indigenen und die der Wirtschaft: Zahlen, Bilanzen, Profite. Der massige 51-Jährige sitzt auf der Terrasse des Restaurants, das im Reservat für Neugierige, Journalisten und Wissenschaftler eröffnet hat, die nun immer öfter zu Besuch kommen, um das Phänomen der wirtschatlich erfolgreichen Indigenen zu studieren.

Stolz berichtet er, dass sich die Paiter-Suruí am Handel mit CO₂-Zertifikaten beteiligen wollen, um vom Wald zu profitieren. Doch es ist eine umstrittene Idee, die von anderen indigenen Gemeinschaften abgelehnt wird, weil sie fürchten, die Autonomie über ihre Territorien zu verlieren.

„Wir erhoffen uns das Gegenteil“, sagt Almir Suruí. „Die Kontrolle über unser Reservat zurückzugewinnen.“ Denn trotz ihres wirtschaftlichen Erfolgs fühlen sich die Paiter-Suruí bedroht. Die Weiden der Viehzüchter reichen zentimetergenau bis an ihr Reservat heran. Nachts hört man die Schüsse von Jägern durch den Wald hallen, die Wildtiere töten. Von anderswo dringen bewaffnete Goldsucher ein und verseuchen die Flüsse mit Quecksilber. Häufig rauben Holzfäller wertvolle Stämme aus dem Dschungel für die Sägewerke der Region.

Es wird deutlich, wie in Amazonien die Vorstellungen von Entwicklung aufeinanderprallen. Einerseits die indigene Überzeugung, dass es anhaltenden Reichtum nur mit dem Wald geben kann und dass man am Ende alles verliert, wenn der Wald verschwindet. Andererseits die Idee der Holzfäller, Goldgräber, Landräuber, Großbauern und Viehzüchter, die den Wald als eine unendlich ausbeutbare Ressource betrachten, die letztlich dem Fortschritt im Wege steht. Wozu brauchen so wenige Indigene so viel Wald?, lautet eine typische Frage in den landwirtschaftlichen Zentren Amazoniens.

Ob die COP30 in Belém eine Lösung für diese schier unauflösbaren Widersprüche finden kann, und ob Amazonien gehört wird, wie Lula versprochen hat, ist überaus fraglich. Brasiliens Umweltschützer, Indigene, Kleinbauern und traditionelle Fischer kritisieren, dass ihnen auf der Konferenz nur eine Statistenrolle zugewiesen worden sei. Zur Halbzeit der COP30 wollen sie daher in einem großen Protestmarsch durch Belém ziehen. Almir Suruí formuliert es so: „Ich will als Bewohner Amazoniens nicht konsultiert werden. Ich will mit am Verhandlungstisch sitzen.“