Der mittelalte Mann trägt das gelbe T-Shirt der brasilianischen Nationalelf. Er steht stolz im Saal des Senats in Brasilia, hat gerade Hausfriedensbruch begangen. Per Handy filmt er, wie Dutzende weitere Demonstranten den Raum stürmen und verwüsten. Mittendrin ist ein bewaffneter Militärpolizist zu sehen, der sich freundlich mit den Invasoren unterhält.
Es ist eine von Hunderten Szenen vom Sturm der Anhänger von Ex-Präsident Jair Bolsonaro auf das Regierungsviertel in Brasilia. Die Bolsonaristen demonstrieren seit Wochen vor vielen Militärkasernen im Land gegen die Wahl des linken Lula da Silva zum Präsidenten. Sie behaupten, es habe Wahlbetrug gegeben und fordern einen Putsch. Am Sonntagnachmittag durchbrachen sie dann nach einem Protestmarsch die leichten Polizeisperren um das Regierungsviertel und drangen in Brasiliens Kongress, den Obersten Gerichtshof sowie den Präsidentenpalast ein. Sie legten Feuer, zerbrachen Scheiben und Möbelstücke, zerstörten wertvolle Kunstwerke, urinierten auf Einrichtungsgegenstände und schmissen Elektronikgeräte auf den Boden.
Die Schäden dürften in die Millionen gehen. Auffällig war, wie wenig Widerstand die Militärpolizei leistete. Anstatt die Putschisten aufzuhalten, machten die Beamten teilweise gut gelaunt Videos der Ereignisse. Als Reaktion wurde der Polizeichef der Hauptstadt noch am Sonntag entlassen und der Gouverneur von Brasilia vom Verfassungsrichter Alexandre de Moraes vom Amt suspendiert.
Präsident Lula da Silva kehrte am Abend in die Hauptstadt zurück und kündigte wütend die Bestrafung der „Vandalen und Faschisten“ an. „Sie werden für ihre antidemokratischen Akte bezahlen. Sie haben etwas getan, was es in der Geschichte dieses Landes noch nie gegeben hat.“ Lula, der seit 1. Januar regiert, dekretierte, dass Brasiliens Bundesregierung das Kommando über den Sicherheitsapparat der Hauptstadt übernehmen werde.
Der Richter Alexandre de Moraes, der unter Bolsonaristen wegen seines harten Vorgehens gegen die Produzenten von Fake News verhasst ist, ordnete zudem drastische Maßnahmen an, um die Kriminellen zu identifizieren: Die Bundespolizei soll Gästelisten in Hotels analysieren, nach Bildern von Überwachungskameras und Geolokalisierungsdaten suchen sowie die Eigentümer und Passagiere der Busse erfassen, die Bolsonaros Anhänger nach Brasilia brachten. Rechte Gruppen sprechen nun von „Diktatur“. Am Montag blockierten kleinere Gruppen wichtige Straßen in verschiedenen Landesteilen. Auch vor einigen Ölraffinerien wurden Blockaden errichtet.
Die Invasoren in der Hauptstadt wurden schließlich von der Schocktruppe der Polizei vertrieben. Hunderte Menschen wurden festgenommen. Es gelang der Polizei jedoch nicht, das bolsonaristische Lager vor einer nahen Kaserne aufzulösen, da es von gepanzerten Militärfahrzeugen abgeschirmt wurde. Diese Entwicklung führte kurzzeitig zu der Befürchtung, dass die Armee einen Putsch plant. Hauptgrund war aber wohl, dass das Lager auf Militärgelände liegt, auf dem die Polizei kein Zugriffsrecht hat.
Der Sturm auf Brasiliens Machtzentrum ist ein Warnsignal. Es gibt radikalisierte rechte Gruppen, die zu Gewalt bereit sind. Sie halten sich für die Retter des Vaterlands und sind fest von ihrer Mission überzeugt, die sie religiös verklären. Häufig werden ihre Aktionen von Geschäftsleuten finanziert und logistisch unterstützt. So auch am Sonntag. Der Sturm auf Brasiliens demokratische Institutionen war weit weniger spontan als es schien. Seit Tagen zirkulierten bereits unter Codenamen in den sozialen Netzwerken Anweisungen zum Sturm auf die Institutionen.
Für die Bolsonaristen ist Präsident Lula da Silva ein Dieb, der den Kommunismus einführen will. Sie hingegen verteidigten Gott, die Familie, den Anstand und die Wahrheit. In ihrem Fanatismus gleichen sie einer Sekte, was es unmöglich macht, sachlich mit ihnen zu reden. Dabei stammen die Anhänger des Bolsonarismus weitgehend aus dem bürgerlichen Lager und dem Sicherheitsapparat. Es rächt sich nun, dass in Brasilien nie eine Aufarbeitung der Militärdiktatur (1964 – 1985) stattgefunden hat und die Verbrecher von damals allesamt amnestiert wurden.
Die dramatischen Ereignisse waren allerdings nicht unvorhersehbar. Ex-Präsident Bolsonaro sowie mit ihm verbündete Politiker, evangelikale Pastoren, Unternehmer und Influencer füttern die Brasilianer schon lange mit Lügen und stacheln sie auf. Erschreckend häufig reden sie auch von der Notwendigkeit eines Bürgerkriegs. Viele dieser Einflüsterer haben es geschafft, mit ihren Veröffentlichungen in den sozialen Netzwerken viel Geld zu machen und haben daher ein Interesse an einer weiteren Radikalisierung.
Der abgewählte Präsident Jair Bolsonaro äußerte sich am Sonntag erst spät. Er setzte sich Ende Dezember in die USA ab, offenbar aus Angst vor Strafverfolgung wegen seiner kriminellen Corona-Politik. Er twitterte: „Friedliche Demonstrationen im Rahmen der Gesetze sind Teil der Demokratie. Plünderungen und Invasionen öffentlicher Gebäude, wie sie heute stattgefunden haben, fallen jedoch ebenso wenig unter diese Regel.“ Viele Bolsonaristen ignorierten den Tweet. Es scheint, als ob der Bolsonarismus sich verselbstständigt hat.
ENDE