Brasiliens Kaffekrise und der Weltmarkt

Brasiliens Kaffekrise und der Weltmarkt

Die Kirschen hängen noch grün und klein am Strauch. Miguel Erthal streicht über die unreifen Früchte, drückt sie prüfend mit Daumenund Zeigefinger, hebt die Blätter an. „Sieht ganz gut aus“, sagt er. „Es könnte nächstes Jahr wieder Kaffee geben – wenn das Wetter mitspielt. Aber das kann zurzeit niemand vorhersagen.“

Miguel Erthal ist brasilianischer Kaffeebauer und als solcher mag er diese Art von Unsicherheit nicht. Er mag Berechenbarkeit und Verlässlichkeit. Er möchte wissen, wie viele Sack Kaffee er im Jahr ernten und welchen Preis er dafür bekommen wird. Aber solche Gewissheiten, das muss er jetzt feststellen, haben sich aufgelöst. Und das spürt nicht nur er, der Landwirt, sondern jeder Kaffeekonsument auf dem Globus, ob in Berlin, Tokio oder Los Angeles. Der Preis für ein Pfund Filterkaffee im Supermarkt ist ebenso rapide angestiegen wie der für einen Espresso oder Latte macchiato im Lieblingscafé. An der New Yorker Rohstoffbörse stieg der Preis für Arabica-Bohnen seit Jahresbeginn um 70 Prozent und erreichte Ende November mit 3,34 Dollar pro Pfund den höchsten Stand seit 1977. Die Sorte Arabica macht 75 Prozent der Weltproduktion aus und wird hauptsächlich in Brasilien (40 %) angebaut „Kaffee wird Luxus“, hieß es bei CNN.

Der Grund für dir Preisexplosion ist einfach: Die Nachfrage nach Kaffee übersteigt das Angebot. Es wird weltweit mehr Kaffee getrunken als Bauern wie Miguel Erthal ernten können – auch weil immer mehr Chinesen und Inder von Tee auf Kaffee umsteigen.

Warum aber Erthal die Nachfrage nicht mehr so bedienen kann, wie er es gerne möchte, hat in erster Linie mit dem Klima zu tun.

In alten Jeans, einem ausgeleierten T-Shirt und Lederstiefeln stapft der 65-Jährige durch die langen Reihen seiner Kaffeesträucher. Er wirft kritische Blicke auf Blätter und Boden, hält Ausschau nach Schädlingen oder Pilzbefall. Erthal ist eine imposante Erscheinung, groß gewachsen, ausgestattet mit rundem Bauch, zunehmender Glatze sowie kräftigen Händen, die von einem langen Arbeitsleben erzählen. „Schon als Zehnjähriger musste ich meinem Vater in der Plantage helfen“, sagt er.

Erthals Fazenda heißt Santa Rita und liegt im landwirtschaftlich geprägten Bergland des Bundesstaats Rio de Janeiro. Mit der gleichnamigen Stadt am Zuckerhut hat es nur wenig gemeinsam, hier oben dominiert die Scholle das Lebensgefühl, nicht der Strand. Vier Stunden fährt man mit dem Auto, es geht über kurvige Straßen mit spektakulären Ausblicken über den Atlantischen Regenwald, dann erreicht man das Örtchen Bom Jardim. Die Viehwirtschaft ist ein wichtiger Wirtschaftszweig des Ortes. Gefolgt vom Kaffeeanbau, den ein Mann in der Hand hat: Miguel Erthal. Seine Kaffeesträucher bedecken die Hänge der Gegend, insgesamt 650 Hektar.

Damit ist Erthal der größte Kaffeebauer im Bundesstaat Rio de Janeiro. Er hat drei Millionen Kaffeesträucher, beschäftigt ganzjährig 150 Arbeiter und rund 90 Prozent seiner Ernte aus Arabica-Hochlandbohnen geht ins Ausland, wird nach Deutschland, Italien, die USA und Japan verschifft. „Kaffee ist das am zweitmeisten konsumierte Getränk der Welt“, weiß Erthal. „Nach Wasser.“

Die Menschheit mit Kaffee zu versorgen – damit kennt Erthal sich also aus, seit fünf Jahrzehnten schon beschäftigt er sich mit dem Anbau der Bohnen, ihrer Ernte und dem Verkauf. Doch jetzt versteht er die Welt nicht mehr. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt er und kratzt sich im sonnenverbrannten Nacken.

Die Ursache für Erthals Ratlosigkeit ist das Klima, das „völlig aus der Kurve geraten“ sei. Die zunehmende Hitze sei das Hauptproblem, die sich mit immer längeren Trockenperioden paare. „Letztes Jahr fiel zwischen Mai und Oktober kein einziger Tropfen Regen“, klagt Erthal. „Sechs verdammte Monate lang!“ Und das ausgerechnet in der kritischen Phase der Pflanzenentwicklung, wenn eine schöne Blüte entstehen soll, aus der sich anschließend eine saftige Frucht bildet.

Warum genau das Klima sich anders verhält, als Erthal es erwartet, ist nicht ganz einfach zu beantworten. Manche Wissenschaftler betonen die Rolle temporärer Klimaphänomene wie der als El Niño bekannten Erwärmung des Pazifiks. Dabei kehren sich alle zwei bis sieben Jahre die Strömungsmuster um, was für Südamerika östlich der Anden mehr Hitze und Trockenheit bedeutet. Andere Untersuchungen sehen in der menschengemachten Erderwärmung den Hauptgrund. Dass die Dürre nicht vorübergehend sei, sondern bleiben werden, heißt es aus internationalen Forschungsgruppe World Weather Attribution (WWA).

Eine zusätzliche Ursache für die Dürre sieht der brasilianische Klimaforscher Carlos Nobre in der Zerstörung des Amazonasdschungels. Aufgrund der Abholzung bildeten sich über dem Amazonas immer weniger Wolken, die über Tausende Kilometer Richtung Süden getrieben werden, wo sie abregnen. Diese sogenannten „fliegenden Flüsse“ kämen zum Erliegen.

Für Miguel Erthal ist die Ursache für die Trockenheit „wurscht“. Er hofft nur, dass das Klima bald wieder „normal“ werde.

Brasilien ist seit rund 150 Jahren der größte Kaffeeproduzent der Welt. Auf rund zwei Millionen Hektar – das ist die Fläche Sachsen-Anhalts – bauen heute Landwirte in dem südamerikanischen Land Kaffee an. Die Ernte beläuft sich auf rund 3,3 Millionen Tonnen Rohkaffee, von denen Zweitdrittel ins Ausland gehen. Auf neun Milliarden Dollar beziffert das Agrarministerium die Exporterlöse aus dem Kaffee, womit er das fünftwichtigste agrarische Ausfuhrprodukt Brasiliens ist.

So gut wie alle der rund 300.000 brasilianischen Kaffeebauern haben zuletzt Klimaschocks erlebt wie Erthal. Nicht alle gleichermaßen und in den gleichen Zeiträumen – dazu liegen Brasiliens verschiedene Kaffeeregionen zu weit über das Riesenland verteilt –, aber alle klagen über zu lange Trocken- und Hitzeperioden. Einige der wichtigsten Kaffeeregionen Brasiliens registrierten 2024 die niedrigste Niederschlagsmenge der letzten 40 Jahre.

Strategien, um darauf zu reagieren, haben die wenigsten. Nur fünf bis zehn Prozent der brasilianischen Kaffeebauern bewässern ihre Pflanzen künstlich. Für Miguel Erthal kommt das nicht infrage. Die Hänge auf rund 750 Metern seien zu steil, das Geländeprofil zu ungleichmäßig und die Flächen zu groß. „In der Ebene kannst du das machen, hier oben nicht.“ Und vor allem: Wo soll das Wasser herkommen, wenn es nicht mehr regnet?

Als Reaktion auf Wassermangel und Hitze brachen viele von Erthals drei Millionen Sträuchern die Ausbildung ihrer Kaffeekirschen ab oder begannen erst gar nicht damit. „Auto-Abort“, sagt Erthal. „Die Pflanzen sparen in Stresssituation Energie. Und die Früchte, die sie dann noch hervorbringen, sind oft deformiert. Minderwertige Ware.“ Seit vier, fünf Jahren beobachte er das jetzt schon.

Beim Blick auf seine letzte Ernte dann der Schock. „Ich wusste, dass sie mager ausfallen würde“, sagt Erthal, „aber so etwas hatte ich nicht erwartet.“ Statt der 23.000 Sack Kaffee á 60 Kilo, die sein Betrieb durchschnittlich abwirft, waren es 2024 nur 3.000 Sack Kaffee. Ein Einbruch von 88 Prozent.

Wegen solcher Ernteausfälle steht Brasiliens Kaffee-Ernte nun insgesamt unter Vorbehalt, weil unvorhersehbar ist, ob die Trockenheit weiter anhält oder ob es wieder ausreichend regnet. Der Weltmarkt für Kaffee mag solche Unwägbarkeiten ebenso wenig wie Miguel Erthal. Denn Ernten werden auf dem Weltmarkt teilweise schon lange an im Voraus gehandelt, es gibt Verbindlichkeiten, Erwartungen, Kalkulationen. Sind diese nicht einzuhalten, macht sich Unsicherheit breit, die Preise steigen, es wird spekuliert.

Und es treten Kriminelle auf den Plan. Die letzte Ernte habe man aus Sicherheitsgründen sofort an einen Exporteur verkauft, erzählt Erthal. Denn die hohen Preise lockten bewaffnete Banden an. Zwar sind in Brasilien Überfälle auf Lkw, die Kaffee und andere Waren transportieren, keine Seltenheit. Aber jetzt attackieren die Banden die Kaffeebauern direkt auf ihren Höfen. Sie rücken nachts mit Lkw an, fesseln alle Anwesenden und rauben die Ernte.

Brasiliens Kaffeekrise hat viele Gesichter, allerdings wäre sie allein wäre für die Preisrekorde auf dem Weltmarkt noch kein Grund. Doch auch Vietnam, der zweitgrößte Kaffeeproduzent der Welt, ist von schweren Dürren und chaotischen Niederschlagsmustern betroffen. Das südostasiatische Land, das vor allem Robusta-Kaffee exportiert, meldet einen Ernterückgang von zehn Prozent.

Der drittgrößte Kaffee-Exporteur der Welt ist Kolumbien. Hier gesellt sich zu mehr Hitze und Trockenheit die schwierige kleinbäuerliche Struktur der Kaffeeindustrie. Kolumbiens Kaffeebauern haben nur sehr limitierte finanzielle und technische Möglichkeiten, um auf Krisen zu reagieren.

Auf dem Weltmarkt sind Kaffeebohnen nun begehrt wie nie. Priscila Pinho ist Kaffeehändlerin und eine von 600 zertifizierten Kaffee-Bewerterinnen, die es in Brasilien gibt. Die 31-Jährige arbeitet im Segment der qualitativ hochwertigen Kaffees und berichtet, dass sie seit kurzem doch recht ungewöhnliche Anfragen aus aller Welt bekomme: Kolumbianische Produzenten, die Bohnen aus Brasilien kaufen wollen, um ihre Lieferverträge zu erfüllen; oder Baristas aus Saudi-Arabien, die irgendwie versuchen an einen Container mit Spezialitätenkaffee zu kommen, die höchste Qualitätsstufe. „Der Markt ist leer gefegt, die Lager sind ausgeräumt, ich kann ihnen nicht helfen, obwohl die Vermittlungsprovision riesig wäre“, sagt Pinho.

Nun könnte man sagen, dass die frenetische Nachfrage doch gut für Produzenten wie Erthal sein müsste. Der Preis pro Sack Kaffee ist von 600 Reais (umgerechnet 95 Euro) auf 2000 Reais gestiegen (310 Euro). Gleichen also die hohen Preise die Ernteverluste aus? Erthal verneint: „Wenn du nichts zu verkaufen hast, nützen dir auch hohe Preise nichts.“

Tatsächlich sind einmalige Ernteeinbrüche für einen Großbauern wie ihn zu verkraften. „Aber was ist mit den Kleinbauern?“, fragt Erthal. Die meisten brasilianischen Kaffeeproduzenten sind kleine Familienbetriebe mit weniger als 20 Hektar Land. Viele haben kaum Rücklagen und müssen aufgeben, wenn ihnen die Ernte wegbricht. Erschwerend käme hinzu, dass viele brasilianische Kaffeebauern schon vor dem heftigen Preisanstieg feste Lieferzusagen gemacht hätten. Da waren die Preise aber noch niedrig. „Kaffee anzubauen, ist wie eine hässliche Frau zu heiraten“, zitiert Erthal einen seiner robusten Bauernsprüche. „Es ist eine Entscheidung, die man nicht ohne Verluste rückgängig machen kann und die man auf jeden Fall bereut.“

Erthal ist aus der Plantage zurückgekehrt ins Zentrum seiner Fazenda. In einem Talgrundstück stehen einige Schuppen. Hier wird der Kaffee gewaschen, sortiert, getrocknet und in Säcke abgefüllt. Aber derzeit passiert wenig. Die Ernte ist vorüber, es ist die Zeit der Pflanzenpflege. An einem kahlen Hang sieht man ein Dutzend Arbeiter, die Kaffeesetzlinge in die rote Erde pflanzen. „Die gehören zu denen, die noch arbeiten wollen“, sagt Erthal und kommt auf das zweite große Problem der brasilianischen Kaffeewirtschaft zu sprechen.

Sie leidet unter einer Art Fachkräftemangel. Für Erthal ist klar, warum: „Keiner will noch aufs Feld“, schimpft er. „Die Armen kassieren lieber Sozialhilfe und glauben, sie könnten mit Sportwetten reich werden. Daran ist diese linke Scheißregierung Schuld.“ Erthal redet sich in Rage und zetert – wie unter Brasilien Großbauern üblich – über Präsident Lula da Silva, dessen Sozialprogramme die Armen davon abhielten, sich anzustrengen. Wahr ist, dass Brasiliens Kaffeeindustrie einen massiven Mangel an Erntehelfern hat, weil die Familien auf dem Land kleiner werden und immer mehr Jugendliche aufgrund besserer Bildungs- und Jobchancen in die Städte ziehen. Und natürlich auch, weil körperliche Arbeit in praller Sonne nicht besonders attraktiv ist.

„Ich bräuchte in einer üblichen Saison 200 Erntehelfer“, erzählt Erthal. Er schicke immer Busse in die Orte der Region, mache Werbung – doch mehr als 130 Saisonarbeiter kämen nicht mehr zusammen. Den Verlust schätzt Erthal daher auf rund 3000 Sack Kaffee in normalen Jahren, unzählige Sträucher könnten nicht abgeerntet werden, was ihre Erträge im Folgejahr negativ beeinflusse.

Dabei hat auch die Familie Erthal Nachwuchssorgen. Miguel Erthals Betrieb besteht insgesamt aus zehn Kaffee-Fazendas, die er und seine neun Geschwister von Vater Aloysio geerbt haben. Weil er jedoch der einzige war, der etwas für die Landwirtschaft übrig hatte, übernahm er das operative Geschäft. „Als Ältester wurde ich früh von meinem Vater als Nachfolger vorbereitet. Die anderen haben keine Liebe zum Kaffee entwickelt.“

Erthal setzt eine Tradition fort, die mit dem deutschen Auswanderer Johann Erthal begonnen hatte. Der ließ sich 1826 in den Bergen Rios nieder und erwarb sukzessiv Land.

Als Rio im 19. Jahrhundert zur größten Kaffeeanbauregion der Welt aufstieg, waren auch die Erthals beteiligt. Es war die Zeit der Sklaverei, die erst 1888 endete. Kurz darauf waren auch Rios goldene Kaffeejahre vorbei. Der Raubbau an der Natur rächte sich. Abgeholzte Wälder und riesige Monokulturen führten zu versiegenden Quellen, ausgelaugten Böden, geschwächten Ökosysteme, erodierenden Hänge und Schädlingsplagen. Die Kaffeeindustrie wanderte in den Bundesstaat São Paulo ab.

Erst Miguel Erthals Vater Aloysio pflanzte 1972 wieder Kaffee in Bom Jardim an. Ein Foto von ihm hängt im kleinen Büro der Fazenda Santa Rita. Darauf steht Aloysio inmitten trocknender Kaffeebohnen. Miguel Erthal schaut auf das Foto. „Ich weiß wirklich nicht, was die Zukunft bringt“, sagt er. „Aber einfacher wird es definitiv nicht.“

ENDE