Bischof Dom Vicente Ferreira lenkt seinen Wagen über eine kurvige Landstraße in der Chapada Diamantina, einer zerklüfteten Berglandschaft in Zentralbrasilien. Bauernhäuser säumen den Weg, dazwischen stehen bunte Bougainvilleen, gelbe Ipês und rot blühende Flamboyants. Es ist eine paradiesische Natur.
Dann stoppt der Bischof in einer Kurve und blickt auf eine riesige Mine, die wie eine offene Wunde mitten in der grünen Landschaft klafft. „Der britische Konzern Brazil Iron holt dort Eisenerz aus dem Boden“, sagt Dom Vicente. Ein halber Berg wurde bereits weggesprengt, Geröll und Schutt sind zurückgeblieben. „Ich kämpfe gegen diese Umweltzerstörung“, sagt er. „Ich stehe an der Seite der Menschen, die sich gegen die Minenindustrie wehren.“
Der 54-jährige Dom Vicente ist Bischof von Livramento de Nossa Senhora im brasilianischen Bundesstaat Bahia. Ein kleinerer Teil seiner Diözese gehört zum Sertão, einer kargen Dornenstrauchsavanne. Der größere Teil umfasst die südliche Chapada Diamantina, deren Name von den Edelsteinen stammt, die hier einst geschürft wurden. Die Region ist geprägt von kleinbäuerlicher Subsistenzwirtschaft und Quilombo-Gemeinden, in denen die Nachfahren einst entflohener Sklaven leben.
Doch das traditionelle Leben der Region ist bedroht. Sie verfügt über große Eisenerz-, Gold- und Quarzvorkommen, auf die es internationale Bergbaukonzerne abgesehen haben. Mehr als 2.000 Anträge auf Förderlizenzen wurden bereits beim Staat gestellt. In der Chapada Diamantina vollzieht sich damit ein Prozess, der auch andere Teile Brasiliens betrifft. Allein in der Amazonasregion existieren mehr als 45.000 Bergbauprojekte, die bereits in Betrieb sind oder angemeldet wurden; etwa 21.500 davon liegen in Umweltschutzgebieten oder auf dem Land indigener Völker. Gegen diesen Raubbau an der Natur kämpfen auch das panamazonische Kirchennetzwerk REPAM und der Indigene Missionsrat (CIMI).
„Im Quilombo Bocaina kann man sehen, was passiert, wenn die Minenkonzerne kommen“, sagt Dom Vicente. Dort begann die Firma Brazil Iron im Jahr 2011 mit der Sprengung eines Berges, um Eisenerz zu gewinnen. Es war das erste große Minenprojekt in der Region.
In Bocaina leben rund 250 Menschen verstreut auf kleinen Höfen. Zwar ist die Gemeinde laut der staatlichen Palmares-Stiftung als Quilombo anerkannt, doch die Regierung weigert sich bis heute, ihr alle von der Verfassung garantierten Rechte zu gewähren. Denn das würde bedeuten, dass die Bewohner selbst über ihr Land entscheiden können. Insgesamt betrachten sich 77 Gemeinden in Dom Vicentes Diözese als Quilombos, doch nur 13 werden staatlich anerkannt.
Catarina Oliveira lebt in sechster Generation in Bocaina. Sie und ihr Mann sind Kleinbauern; Catarina widmet sich der Bienenzucht und dem Anbau von Früchten. Die 52-Jährige gehört außerdem zu den Anführerinnen des Widerstands gegen die Mine. Besonders schlimm sei der Staub, berichtet sie. Nach jeder Sprengung lege er sich zentimeterdick auf Häuser, Gärten und Felder. „An manchen Tagen sieht man vor lauter Staub die Sonne nicht mehr. Die Mine ist 24 Stunden am Tag in Betrieb, und der Lärm hört nie auf. Über unsere kleinen Straßen donnern schwere Lastwagen.“
Catarina Oliveira und Bischof Vicente breiten eine Landkarte auf dem Küchentisch aus. Hinzu kommt eine Nachbarin, die 36-jährige Vanusia Santos, die ebenfalls im Widerstand gegen die Mine organisiert ist. Gemeinsam schauen sie, wo neue Minenprojekte geplant sind und welche Quilombos betroffen wären. Die schiere Anzahl der Projekte wirkt erdrückend. „Das Naturwunder Chapada Diamantina und seine traditionellen Gemeinden sind akut bedroht“, sagt Dom Vicente. „Den Menschen, die seit vielen Generationen hier leben, soll das Land genommen werden. Dabei hätte der Staat die Pflicht, sie zu konsultieren. Doch er handelt nur, wenn die Menschen ihre Rechte einfordern. Sonst werden sie überrollt.“
Dass der Widerstand des Bischofs und der Menschen von Bocaina nicht vergeblich ist, hat sich bereits gezeigt. Brazil Iron kippte den Abraum aus seiner Mine ausgerechnet ins Quellgebiet des Flusses Bebedouro, der daraufhin versiegte. Als die Quilombo-Bewohner klagten, setzte ein Gericht den Minenbetrieb vorläufig aus.
Das Unternehmen bestreitet jedoch jegliches Fehlverhalten und steht bereits in den Startlöchern, um die Förderung fortzusetzen. Die Regierung des Bundesstaats Bahia befürwortet dies. „Brasiliens Politik handelt im Interesse der Konzerne, der Großgrundbesitzer, des Kapitals“, sagt Dom Vicente. „Sie stellen den Profit über das Leben.“
Der Kampf um den Erhalt der Chapada Diamantina ist für Dom Vicente das zentrale Thema. Dabei wird er von Adveniat unterstützt. In Predigten, privaten Gesprächen und auf dem ersten von ihm organisierten Treffen der Quilombo-Bewohner seiner Diözese prangert er die Umweltzerstörung und die Verletzung der Rechte traditioneller Gemeinden an. „Das ‚Dom‘ in meinem Namen soll ein Schild für die Armen sein“, sagt er und zitiert Papst Franziskus aus der Enzyklika Laudato si’ – Über die Sorge für das gemeinsame Haus: „Es kann keine gesunden Menschen auf einem kranken Planeten geben.“
Damit erreicht Dom Vicente die Menschen in seiner Diözese. Er gilt hier als Bischof des Volkes. Das liegt auch daran, dass er eine einfache, kraftvolle Sprache spricht und kein Aufhebens um seine Stellung macht.
An einem Samstagmorgen fährt Dom Vicente zum Lokalradio, wo er eine wöchentliche Sendung moderiert und über aktuelle Ereignisse in der Diözese und der Welt spricht. Danach besucht er den Markt von Livramento, auf dem Hunderte Kleinbauern ihre Erzeugnisse verkaufen. Er nennt ihn „das Herz der Stadt“. Die Menschen kommen zu ihm, klagen ihre Sorgen, machen Selfies. Eine Frau sagt: „Dieser Bischof ist wunderbar, er sagt die Wahrheit.“ Ein Käseverkäufer betont: „Wir hatten in Livramento noch nie einen so beliebten Bischof. Wir fühlen uns von ihm wertgeschätzt.“
Bevor Dom Vicente nach Livramento kam, wirkte er als Weihbischof in Brumadinho. In der Nähe der Stadt barst 2019 das Rückhaltebecken einer Eisenerzmine des brasilianischen Bergbaukonzerns Vale. Die ins Tal stürzende Schlammlawine begrub 272 Menschen, zerstörte Häuser, Felder und Flüsse. Dom Vicente stand damals an der Seite der Angehörigen und verlangte Gerechtigkeit.
Sein kompromissloser Einsatz führte jedoch dazu, dass die rechtskonservative Elite Brumadinhos gegen ihn opponierte. Spruchbänder tauchten auf: Man wolle keine Politik in der Kirche, sondern „nur beten“.
„Diese Erfahrung hat Wunden hinterlassen“, sagt Dom Vicente, „mich aber auch in meinem Engagement bestärkt.“ Als er 2023 nach Livramento versetzt wurde, wusste er nicht, dass auch seine neue Diözese von der Minenindustrie bedroht ist. Dass er nun hier seine Erfahrung einbringt, sehen manche als Fügung. Catarina Oliveira in Bocaina sagt: „Es kann kein Zufall sein, dass Dom Vicente an unserer Seite steht.“
An einem Sonntagmittag fährt der Bischof in die abgelegene Gemeinde Itapicuru dos Batistas, mitten in der flachen, trockenen Landschaft des Sertão, wo die Menschen vom Anbau von Mangos und Maracujas leben. Dort will er die Messe feiern.
„Es ist das erste Mal, dass der Bischof aus Livramento zu uns kommt“, sagt eine Frau gerührt und stolz. Am Ende des Gottesdienstes ruft Dom Vicente den Gläubigen in der vollen Kirche zu: „Wir gehen aus diesem Gottesdienst mit Hoffnung und Freude. Wir lassen uns nicht von Angst und Verzweiflung leiten. Denn Jesus ist die Liebe.“
Noch lange danach steht die Gemeinde im warmen Licht der untergehenden Sonne vor der Kirche, um Dom Vicente zu danken.