Die Worte des Kaziken

Die Worte des Kaziken

Schweigend blickt Jairo Saw Munduruku auf die verbrannten Äste am Boden. Ringsum liegen die Reste eines Lagers: leere Schnapsflaschen, Plastikmüll, Dosen. Ein Pfad schlängelt sich tiefer in den Dschungel, im feuchten Amazonasboden sind die Spuren von Motorradreifen eingeprägt. „Sie waren hier“, murmelt Jairo Saw. „20 Kilometer entfernt graben sie nach Gold, auf unserem Land.“

Am Nachmittag haben Jairo Saw und drei seiner Stammesbrüder ein Aluminiumboot den Rio Jamanxim hinaufgesteuert. Jairo trägt rotgelbe Bänder um die Arme, ein Symbol seiner Autorität als Kazike und Anführer des Dorfes Sawré Aboy, das er vor einem Jahrzehnt gründete. Etwa 60 Angehörige des Munduruku-Volkes leben dort im Dschungel des brasilianischen Bundesstaats Pará, eine Tagesreise von der nächsten Stadt entfernt.

Der Kazike und seine Mitstreiter sind unterwegs, um die Grenzen ihres Reservats abzufahren. Sie suchen nach den Schildern, die ihr Territorium markieren und Eindringlinge daran erinnern sollen, dass es nicht betreten werden darf. Die zweistündige Fahrt führt an dicht bewaldetem hügeligem Ufer vorbei. Zwei Schilder finden die Indigenen, andere wurden offenbar von Eindringlingen heruntergerissen. „Wir können kaum etwas tun“, sagt Jairo Saw in einfachem Portugiesisch. „Die Goldgräber sind bewaffnet und aggressiv. Sie fällen Bäume, reißen die Erde auf und vergiften die Flüsse. Sie empfinden Gier. Aber wahrer Reichtum ein sauberer Fluss. Die Eindringlinge verstehen das nicht, ihre Sprache ist eine andere.“

Jairo Saw Munduruku, Dorfgründer und Kazike, steht vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe: die Verteidigung seiner Gemeinschaft gegen eine mächtige Idee. Sie besagt, dass die Erde eine Ressource ist, die ausgebeutet werden muss, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Dem 55-Jährigen und seinem Volk ist diese Idee fremd. Ihr Blick auf die Welt ist ein anderer, geprägt von Begriffen, die für Nicht-Indigene oft schwer verständlich sind.

„Wir Munduruku haben für Wald und Natur dasselbe Wort“, erklärt Jairo Saw auf der Rückfahrt. „Wir sagen awaydip.“ Er übersetzt es als „das, was uns vervollständigt“. Denn ohne den Wald könnten die Munduruku nicht existieren. Das mag romantisch klingen, aber für den Kazike und sein Volk ist es die Summe uralter Erfahrungen.

Um das Boot herum zeigt der Wald jetzt ein Schauspiel. Im Licht der sinkenden Sonne leuchten die Kronen der mächtigen Mahagoni- und Kapokbäume, während zwei Dutzend Amazonaspapageien laut schnatternd den Jamanxim überqueren.

In Brasilien tobt ein Kampf um awaydip – und die Indigenen sind mittendrin. Es geht um die uralte Frage, wem das Land mit seinen Schätzen gehört. Der Konflikt wird zunehmend im Amazonasbecken ausgetragen, in das die Minenindustrie, Holzfirmen, Landspekulanten, Rinderzüchter, Sojabauern und Energiekonzerne vordringen. Besonders betroffen: die Munduruku, ein Volk mit rund 18.000 Menschen, das in Dutzenden Dörfern im Einzugsgebiet des Rio Tapajós lebt, einem der größten Amazonas-Zuflüsse.

Das Reservat von Jairo Saw, das den Namen Sawré Muybu trägt und doppelt so groß wie Berlin ist, wird vor allem von Goldsuchern bedroht. Der Jamanxim, einst klar und dunkel, mäandert heute schmutzig braun vor sich hin, weil hunderte Förderplattformen das Flussbett aufwühlen. „Wir sehen die Fische nicht mehr“, sagt der Kazike. Der Strom ist außerdem stark mit Quecksilber belastet, das die Goldsucher verwenden.

Zwar hat Brasiliens Präsident Lula da Silva versprochen, den Regenwald und seine Bewohner besser zu schützen, aber er geschehen ist bisher kaum etwas. Häufig sind zudem lokale Mächtige mit den Eindringlingen verbündet. Der Bürgermeister der nächstgelegenen Stadt, Itaituba, ist selbst Großbauer. Der Ort lebt von einem Soja-Umschlaghafen und ist das Zentrum der Tausenden Goldgräber, die in die Region ausschwärmen. Bei den Wahlen 2022 erhielt Ex-Präsident Jairo Bolsonaro, der Indigene als „Nichtsnutze“ und „Zootiere“ beschimpfte, hier 62 Prozent der Stimmen.

Doch die Munduruku widerstehen dem Druck und fordern mehr Schutz für ihre Gebiete. „Wir passen auf die Natur auf“, sagt Kazike Jairo. Tatsächlich zeigen Studien, dass der Amazonaswald nirgendwo intakter ist, als in den Indigenen-Reservaten.

Der Kazike glaubt, dass es in dieser Auseinandersetzung einen entscheidenden Faktor gibt: die Kultur und Sprache der Munduruku. „Sie sind wie eine Immunabwehr“, erklärt er. „Solange wir unsere Sprache sprechen und unsere Kultur pflegen, sind wir vereint. Aber wenn wir sie verlieren, wenn die jungen Leute sie nicht mehr kennen, dann werden wir krank. Wir wissen dann nicht mehr, wer wir sind und unsere Gemeinschaften zerbrechen.“ Dann könnten die pariwat, wie die Munduruku alle Nicht-Indigenen nennen, sein Volk spalten. Der Kazike beschreibt einen uralten Prozess: Die Eroberung Amerikas durch die Auslöschung der indigenen Kulturen und Sprachen.

Im Jahr 1500 landeten die ersten Portugiesen im heutigen Brasilien. Die Wissenschaft schätzt, dass damals zwei Millionen bis sechs Millionen Indigene dort lebten und rund 1000 bis 1200 Sprachen gesprochen wurden. 510 Jahre später ergab eine Volkszählung, dass noch 274 indigene Sprachen in Brasilien existieren. Linguisten reduzierten die Zahl zwar auf 160 bis 180, da viele Dialekte hinzu gerechnet worden seien. Doch so oder so bedeutete es: Hunderte Sprachen sind seit der Ankunft der Portugiesen für immer verschwunden. Sei es weil ihre Sprecher durch Krieg oder Krankheit ausgerottet wurden oder wegen eines Prozesses, den die Wissenschaft „sprachliche Kolonisierung“ nennt.

Gemeint ist eine Konfrontation zwischen Sprachen, die unterschiedliche Bedeutungssysteme transportieren und in einem ungleichen Machtverhältnis zueinander stehen. Damit sich ihre Sprache durchsetzt, schaffen die Kolonialherren die politischen und rechtlichen Voraussetzungen. Die portugiesische Krone verbot beispielsweise den Gebrauch des Tupi, das bis Mitte des 18. Jahrhunderts die am weitesten verbreitete Sprache war und von jesuitischen Ordensleute genutzt wurde. In der Folge wurde Portugiesisch dominant. Die Verdrängung der indigenen Sprachen war die Voraussetzung für die Verbreitung kolonialer Denk- und Handlungsmuster.

Dieser Prozess endete nicht mit der Unabhängigkeit Brasiliens. Bis in die 1980er Jahre gab es Sprachverbote, die besonders von den Diktaturen im 20. Jahrhundert aggressiv durchgesetzt wurden. Zwar gewährte die demokratische Verfassung von 1988 den indigenen Völkern wichtige Rechte, aber das Sprachensterben setzte sich fort. Dass 190 Sprachen in Brasilien akut gefährdet seien, konstatierte der Unesco-Atlas für bedrohte Sprachen von 2010.

Ein Grund dafür ist das Verschwinden der Alten. Das Ehepaar Känätsi, 78, und Híwa, 76, lebt in Nordwestbrasilien an der Grenze zu Bolivien. Sie gehören zum Volk der Guarasugwe und sprechen Warázu. Aber ihre Kinder und Enkelkinder haben die Sprache vergessen oder wollen sie nicht mehr lernen. Sie fragen sich: wozu? Nur Känätsi und Hiwa unterhalten sich noch Warázu, ungern wechseln sie ins Portugiesische. „Es ist, als ob man einen anderen Planeten betritt, eine Welt, die unwiederbringlich untergeht“, beschrieben Linguisten ihre Eindrücke nach einem Besuch bei dem Paar.

Mit den Alten sterbe ein immenser Reichtum an Wissen und menschlicher Ausdrucksformen, beklagt der Linguist Caleb Everett, Professor für Anthropologie an der Universität Miami. Er verbrachte seine Kindheit unter den Pirahã im Nordwesten Brasiliens und erforschte ihre Sprache, die von 300 bis 400 Menschen gesprochen und mitunter auch als schwierigste Sprache der Welt bezeichnet wird. Sie beruht auf nur drei Vokalen und sechs Konsonanten, dafür gibt es Pfeif-, Ruf- und Schmatzlaute. Die einzige Verbform ist das Präsens, es gibt keinen Plural und kein Zahlensystem. Die Pirahã unterscheiden nicht zwischen Farben und haben keine Mythologie, da sie glauben, dass die Welt schon immer existierte.

„Wir neigen zu der Annahme, dass alle Sprachen Ideen und Objekte auf ähnliche Weise kategorisieren und damit eine gemeinsame menschliche Erfahrung widerspiegeln“, sagt Everett. „Aber Sprecher verschiedener Sprachen sehen die Welt anders und denken anders über sie.“ Es ist das, was Jairo Saw ausdrückte, als er an der Feuerstelle sagte, dass die Goldgräber „eine andere Sprache“ hätten als die Munduruku.

Die zweite aktuelle Bedrohung für Brasiliens indigene Sprachen ist der Verlust ihrer Territorien. „Ohne Land, keine Sprache“, sagt der Linguist Angel Corbera Mori von der Universität Campinas. Die Indigenen bräuchten sichere Räume, um ihre Kultur zu praktizieren.

Entlang der so genannten fronteira agraria, der Agrargrenze, kann man beobachten, wie die industrielle Landwirtschaft mit ihren Siedlungen immer näher an indigene Gemeinden heranrückt. Vor allem junge Indigene beginnen dann westliche Lebensweisen zu imitieren. Sie kleiden sich anders, kaufen Fertiglebensmittel im Supermarkt, gehen in evangelikale Kulte, sprechen ihre Sprache nicht mehr, die sie als Sache der Alten ansehen. Sie schämen sich, weil in der Stadt alles Indigene abschätzig und feindselig betrachtet wird. Schließlich lehnen sie ihre Kultur ab.

So fallen die Gemeinden langsam auseinander. Manche Familien lassen illegal Holzfäller ins Reservat, um an Geld zu kommen; andere werden zu Goldgräbern; die Evangelikalen misstrauen denen, die an Naturgeister glauben. Es kommt zu Streit und Zwietracht. Viele indigene Orte entlang der Agrargrenze sind zutiefst deprimierende Orte. Alkoholismus, Gewalt und sogar Suizidwellen unter Jugendlichen sind verbreitet wie bei den Guarani Kaiowá im Bundesstaat Mato Grosso do Sul, der von der Agrarindustrie beherrscht wird.

Dort aber, wo eine indigene Sprache lebendig ist, haben häufig traditionelle Formen des Zusammenlebens, Wirtschaftens und Umgangs mit der Natur überlebt. „Sprache ist Identität“, sagt der Linguist Corbera Mori.

Es dämmert als das Boot wieder in Sawré Aboy anlegt. Das Dorf liegt in einer Flussbiegung des Jamanxim. 14 Familien leben hier in Hütten aus Holz, Ziegeln, Palmblättern und Wellblech. Die Böden sind aus festgestampfter Erde, geschlafen wird in Hängematten. Die meisten Bewohner sind zweisprachig, reden untereinander in Munduruku und mit Nicht-Indigenen in fehlerhaftem Portugiesisch. So gut wie alle tragen die traditionellen Bemalungen aus der dunklen Farbe der Jenipapo-Frucht im Gesicht und auf dem Körper. Der Brauch brachte den Munduruku einst die Bezeichnung Caras Pretas ein, Schwarzgesichter.

Aus der Gemeinschaftsküche in der Ortsmitte steigt Rauch auf, einige Frauen bereiten Reis, Bohnen und Fische auf Holzfeuern zu. Das achteckige, nach allen Seiten offene Gemeinschaftsgebäude gegenüber ist hell erleuchtet. Im Hintergrund dröhnt der Generator, der für Strom sorgt.

Jairo Saw wird schon erwartet, denn Gäste sind eingetroffen: acht Kaziken und ihr Anhang aus Dörfern der Region des mittleren Tapajós. Sie wollen ein Wochenende lang beraten über die Verteidigung ihrer Gemeinden. Dazu haben sie Experten von zivilgesellschaftlichen Organisatoren eingeladen.

Mit dem Sonnenaufgang setzte sich der Rat zusammen. Als erster spricht ein Agronom, der den Munduruku vom Handel mit CO2-Zertifikaten abrät, der ihnen angeboten wurde. Das System sei intransparent, sein Nutzen fragwürdig und Betrug häufig. Es sei ein Einfallstor für fremde Interessen in die Gebiete der Munduruku.

Anschließend reden zwei Juristen über die Tücken von Verträgen. Häufig würden diese absichtlich in kompliziertem Portugiesisch verfasst, um die Indigenen zu übervorteilen. „In formalen Angelegenheiten zählen indigene Sprachen nichts“, sagt einer der beiden. Es sei wie in der Kolonialzeit, man versuche immer noch, die Indigenen aus der Gesellschaft auszuschließen.

Zwar gibt es kleine Fortschritte – so wurden mittlerweile in zehn (von 5.565) Verwaltungsgemeinden Brasiliens indigene Sprachen offiziell anerkannt –, aber nicht in Itaituba, von wo aus die Munduruku-Gebiete des mittleren Tapajós verwaltet werden. Dort kürzte die Ratsmehrheit sogar den Munduruku-Unterricht in den Dörfern.

„Sie könnten auch sagen, wir existieren nicht!“ Elivelson Kirixi ist ein kräftiger 38-Jähriger in schwarzen Jeans und schwarzem T-Shirt. In einer Pause tritt er entschlossen nach vorne und schreibt auf ein großes Stück Papier: „Ipi / Idibi / Kabido / Awaydipxi.“ Ins Mikrofon spricht er: „Das sind die Dinge, die für uns niemals verhandelbar sind.“ Die Reaktion ist ein vielstimmiges „Sawé!“ Es drückt Zustimmung aus, war einst ein Kampfschrei der Munduruku.

Die Worte Elivelson Kirixis bedeuten: Erde, Wasser, Luft, Mutter des Waldes. „Nur, wenn ich sie in unserer Sprache verwende, spüre ich ihre wahre Bedeutung“, sagt er. „Die Jungen sollen stolz auf ihre Herkunft sein. Viele wollen unsere Sprache nicht mehr lernen. Aber ein Indigener, der Würde hat, spricht seine Sprache.“

Der kraftvolle Auftritt Kirixis wird von zwei jungen Frauen mit iPhones gefilmt. Beka Munduruku und Aldina Akay gehören zu einer neuen Generation oft weiblicher Indigener, die auf Instagram und Tiktok die Lebensweise ihrer Völker präsentiert und damit Millionen Follower gewinnt.

Es ist ein Phänomen, das eine Welt zeigt, die den meisten Brasilianern fremd ist. Über Brasilien hinaus bekannt sind beispielsweise: Txai Suruí, die vom „Time“ Magazin 2023 zu den 100 weltweit wichtigsten Nachwuchspersönlichkeiten gezählt wurde; Alice Pataxó ist WWF-Botschafterin; Mateus Oliveira lehrt Alt-Tupi auf seinen Kanälen, die einstmals verbreitetste Sprache Brasiliens; We’e’na Tikuna gibt ihren 881.000 Followern auf Instagram indigene Schönheitstipps.

Solche Followerzahlen können Beka Munduruku und Aldina Akay nicht vorweisen, die das Colectivo Audiovisual Daje kapap Eypi gegründet haben. „Aber darum geht es uns nicht“, sagt die 32-jährige Akay. „Wir begleiten das politische und kulturelle Leben unseres Volkes.“ Man sehe sich, als eine Art Kommunikationskanal der Munduruku.

Es habe als Spiel begonnen, erinnern sie sich. Sie filmten, wie die Schilder aufgehängt wurden, die das Reservat markieren. Als sie bemerkten, wie groß das Interesse an ihren Inhalten war, belegten sie einen Video-Kurs und erhielten ihre iPhones als Spenden einer NGO. Seitdem begleiten sie den Kampf der Munduruku für alle Welt sichtbar.

„Unsere Arbeit ist nicht ohne Risiko“, sagt die 21-jährige Beka Munduruku. „Wir erhalten Drohungen, wenn wir zum Beispiel illegale Goldsucher denunzieren. Aber wir lassen uns nicht einschüchtern, unsere Kameras sind unsere Pfeile und Bogen.“ Digitale Aktivistinnen wie die beiden Munduruku-Frauen haben neue Kommunikationswege für junge Indigene eröffnet. Mit einem Mal erscheinen die Kultur und Sprachen der Indigenen als etwas Schönes, Außergewöhnliches und Cooles; etwas, das im Mittelpunkt steht und nicht mehr am Rande.

Eine Voraussetzung gibt es natürlich: ein Internetzugang. An dieser Stelle kommt Elon Musk ins Spiel. Wie in vielen indigenen Gemeinden Brasiliens steht heute auch in Sawré Aboy eine Starlink-Antenne. Die quadratische weiße Schüssel thront auf einem Holzpodest in der Dorfmitte. „Wir können besser mit anderen Dörfern kommunizieren“, sagt Kazike Jairo, “sind auf dem neuesten Stand über politische Entwicklungen, können auch schneller Hilfe rufe, wenn es Notfälle gibt.“

Dennoch habe es auch Probleme gegeben. Es habe den Ältesten Sorge bereitet, dass die Jungen viele schlechte Sachen gesehen hätten. Der Kazike spricht es nicht aus, aber er bezieht sich auf Pornografie und exzessive Gewaltdarstellungen.

Man habe dann entschieden, das Internet nur noch zu bestimmten Tageszeiten einzuschalten, sagt der Kazike. Nach 22 Uhr sei ohnehin Schluss, weil der Stromgenerator ausgeschaltet werde. Auch bestimmte Seiten wurden verboten und es werde kontrolliert, ob sie angesteuert würden. „Wie das Auge des Schamanen sehen wir alles.“ Da muss selbst der ernste Kazike einmal lachen.

Als die Vorträge am Nachmittag enden, als das Mittagessen aus Reis, Bohnen und Fisch verzerrt ist und alle ein ausführliches Bad im Jamanxim genommen haben, diskutieren die Kaziken über die Ratschläge der Experten. Es ist eine langwierige Angelegenheit, zu der man viel Geduld braucht. Es hat mit der indigenen Gesprächskultur und Form der Entscheidungsfindung zu tun. Die Kaziken (und alle, die etwas beitragen möchten) wiederholen, was bereits gesagt wurde, bevor er oder sie beginnt, die eigene Sichtweise auszubreiten. Stundenlang sitzt man so zusammen, hört zu und redet, ohne dass einer dem anderen auch nur ein einziges Mal ins Wort fällt.

Zeit scheint keine Rolle zu spielen. Es geht nicht um einen Wettkampf der Argumente, um Eloquenz oder darum, schnell ein Ergebnis zu erzielen. Stattdessen schält sich im Diskurs langsam ein Konsens heraus, dem alle zustimmen können.

Erst verspätet stößt eine kleine Frau mit langen schwarzen Haaren zu der Runde. Sie setzt sich an den Rand, schaut häufig auf ihr Handy und tippt. Alle kennen sie. Es ist Alessandra Korap Munduruku, eine der wichtigsten indigenen Stimmen Brasiliens. Ihre Einsatz sorgte dafür, dass der Minenkonzern Anglo-American seine Pläne aufgab, in Sawré Muybu nach Kupfer zu schürfen. 2020 erhielt sie für ihren Einsatz den Robert-F.-Kennedy-Menschenrechtspreis, drei Jahre später den Goldman Environmental Prize, den „Grünen Nobelpreis“.

Zurzeit ist Korap die Präsidentin der Vereinigung Pariri, in der die Dörfer des mittleren Tapajos organisiert sind. Sie ist so gefragt, dass sie selbst hier im Dschungel Presseanfragen beantwortet und Termine vereinbart. Nach dem Kazikentreffen sei sie mit einer Reporterin von Brasiliens wichtigster Zeitung, „Folha de São Paulo“, verabredet, sagt sie. Die „Folha“ wolle eine Reportage über die Quecksilbervergiftung der Indigenen machen. Im November gehe es dann nach Aserbaidschan zur Weltklimakonferenz COP-29.

Zwischen Kazikentreffen und Klimagipfel, Hängematte und Hotelbett – Alessandra Korap ist eine Mittlerin zwischen den Welten. Es mag mit ihrer Geschichte zu tun haben. Als die Abenddämmerung einsetzt und die schwüle Hitze weicht, läuft sie zum Ufer des Jamanxim und setzt sie sich auf einen Felsen. Einige Frauen waschen Kleidung im Fluss, Kinder tollen herum.

Die 39-Jährige stammt aus dem Dorf Praia do Indio in der Nähe von Itaituba. „Aber das Dorf wurde von der Stadt geschluckt“, erzählt sie. Nur noch Erinnerungen an eine Kindheit mit Versteckenspielen im Wald seien übrig geblieben. Heute lebt Korap mit ihren beiden Söhnen in der Großstadt Santarém am Amazonas. Auch dort gebe es Probleme. Sie erhält Morddrohungen, ihr Whatsapp-Konto wurden gehakt, und zwei mal brachen Unbekannte in ihr Haus ein. Korap vermutet illegale Goldsucher dahinter. „Wer in Brasilien die Rechte der Indigenen verteidigt, lebt gefährlich.“

Alessandra Korap ist keine Kazikin, aber eine liderança – so nennen die Indigenen Führungsfiguren. „Ich spüre eine Stärke in mir“, erklärt sie, „es ist die Stärke der Frauen, die nicht sprechen und nicht schreien können. Ich trage die Stimmen der Indigenen nach Brasília, Europa und Asien. Die Stimmen der Kinder, der Häuptlinge, der Schamanen, der Krieger.“

Doch, und hier liegt ein Widerspruch: Alessandra Munduruku spricht kein Munduruku. Ihr Vater verbot ihr, die Sprache zu lernen. „Er war kein guter Vater, es fällt mir schwer, darüber zu sprechen“, sagt sie. Und so wuchs sie zwischen der Welt der Indigenen und der Weißen auf. Einige Munduruku-Kaziken wollten sie daher nicht als Führungsfigur akzeptieren. „Es lag natürlich auch daran, dass ich eine Frau bin“, erinnert sie sich. „Aber die Kaziken, die mich kennenlernten, sagten: Du bist eine liderança.“

Vielleicht ist es dieses Dazwischensein, weswegen Alessandra Korap den Kampf der Munduruku so erfolgreich in die Sprache der Politik, der NGOs und internationalen Konferenzen mit ihren spezifischen Erwartungen übersetzt.

Korap ist die Abschlussrednerin des Kazikenrats und nutzt die Gelegenheit für einen kämpferischen Aufruf, weiterhin Druck auszuüben, damit der Staat die indigenen Reservate schützt. Noch dieses Jahr werde es einen indigenen Protestmarsch in Brasília geben. „Ohne unsere Flüsse, ohne den Wald, ohne die Tiere, ohne unsere Kultur gibt es uns nicht“, ruft sie. Die Runde antwortet laut: „Sawé!“

ENDE