Ausgerechnet von dem Tor, das Pelé unter seinen 1283 Toren als das schönste betrachtete, gibt es keine Filmaufnahme. Es war im August 1959 und Pelé wurde bereits „o Rei“ gerufen, der König. Er war gerade mal 18 Jahre alt. Im Jahr zuvor hatte er mit Brasilien als bis dahin jüngster Spieler die Fußballweltmeisterschaft in Schweden gewonnen und bei einem Freundschaftsspiel in Hamburg sein 200. Tor erzielt.
Nun aber wurde Pelé von den Fans des heimischen Clube Atlético Juventus in São Paulo ausgepfiffen. Er hatte einen Spieler unglücklich getroffen, so dass dieser ausscheiden musste. Die Pfiffe kränkten den jungen Pelé. Er hatte beide Tore zur Führung seines Santos FC geschossen und deutete an, dass er jetzt ein weiteres folgen lassen würde.
An der Strafraumgrenze bekam Pelé den Ball mit dem Rücken zum Tor zugespielt, ließ einen Gegenspieler mit einem Außenristlupfer ins Leere laufen und hob den Ball anschließend über zwei weitere Verteidiger sowie den Torwart mit dem schönen Spitznamen Jaguarhand hinweg, ehe er ihn sich auf die Stirn schnippte und ins Tor köpfte. Der Ball berührte bei Pelés Kunststück nicht den Boden und Pelé sprang anschließend lachend in die Höhe, reckte den Arm und schlug mit der Faust ein Loch in die Luft. Der Jubel wurde zu Pelés Markenzeichen. Nun klatschten auch die gegnerischen Fans für Pelés „Juwelentreffer“ – so nannte man damals in Brasilien besonders feine Tore.
Jahre später ließ Pelé eine Videoanimation des Tors erstellen und Atlético Juventus, heute in einer Unterliga zuhause, brachte eine Plakette an seinem Stadion an: „Hier erzielte König Pelé das schönste Tor seiner Karriere.“
Die Episode erzählt viel von dem, was diesen Pelé ausmachte. Er war nicht nur einer der besten Fußballspieler des 20. Jahrhunderts, sondern wurde zu einer globalen Sport-Ikone; eine Figur wie Muhammad Ali, larger than life, unübertroffen nicht nur im Erfolg, sondern vor allem im Stil; in der Eleganz und der Leichtigkeit, mit der ihm schier alles zu gelingen schien. „In dem Moment, in dem der Ball die Füße Pelés berührt“, schwärmte der italienische Filmemacher und Dichter Pier Paolo Pasolini, „wird der Fußball zur Poesie“.
Häufig wird gesagt, dass der Fußball zu Pelés Zeiten langsamer war, weniger athletisch, taktisch unbedarft. Man behauptet, dass die Umstände Pelé begünstigten, dass er heute nicht mehr so brillieren könnte. Doch wer sich einmal die Zusammenschnitte seiner Tricks und Tore anschaut, wird ein Déjà-vu erleben. Denn Pelé nahm alles vorweg, was seine Erben Maradona, Zidane, Ronaldinho, Messi, Christiano Ronaldo, Neymar und Mbappé zur Wiederaufführung brachten und bringen. Da sind die Dribblings über den halben Platz; die Tricks, die den Gegenspielern schier die Beine verrenken; die simplen aber effektiven Körpertäuschungen; und natürlich: die spektakulären Tore. Ebenso findet man Akrobatik, Wucht, Schnelligkeit, Balance und Grazie.
Was Pelé von seinen Erben jedoch unterscheidet, sind drei Weltmeistertitel. Er bewies, dass der Fußball ebenso schön sein kann wie erfolgreich. O jogo bonito – das schöne Spiel, das von den Brasilianern bei jeder WM erwartet wird, es wurde mit Pelé geboren und zur Blüte gebracht. „Er ist nicht von diesem Planeten“, sagte sogar Cesar Luis Menotti, Weltmeister und Fußballphilosoph aus Argentinien, dem Land des Erzrivalen.
Geboren wurde Pelé 1940 als Edson Arantes do Nascimento in Bauru im Hinterland São Paulos. Sein Vorname kommt von der Bewunderung seines Vaters für den amerikanischen Erfinder Thomas Edison. Wie so viele brasilianische Profifußballer wuchs auch Pelé in ärmlichen Verhältnissen auf und musste schon früh arbeiten, beispielsweise in einem Teeladen. Sein Vater brachte ihm das Fußballspielen bei, doch Geld für einen Fußball war nicht da. Also wurde mit einer mit Zeitungspapier ausgestopften Socke oder einer Pampelmuse gekickt.
Mit 13 Jahren landete Edson, der ein unverkennbares Talent besaß, bei der Jugendmannschaft von Bauru Atlético. Er war der jüngste im Team und sorgte sofort für Aufsehen. Viele Zuschauer kamen nun einzig, um ihn spielen zu sehen. Mit 16 Jahren wechselte Edson dann gegen den Willen seiner Mutter, die nicht wollte, dass er in eine Großstadt geht, zum Erstligaclub Santos FC in der gleichnamigen Hafenstadt. Seinen Spitznamen, Pelé, trug er da schon. In der Schule hatte er den Namen seines Lieblingsspielers Bilé falsch ausgesprochen, was ihm den Spott seiner Mitschüler eintrug. Verständlich, dass Pelé den Namen anfangs nicht mochte, er fand ihn „kindisch“.
Es bestand dann in Brasiliens Fußballwelt schnell Einigkeit, dass mit diesem Linksrechtsfüßer eine Ausnahmefigur die Bühne betreten hatte. Der Teenager traf und trickste, wie es ihm beliebte. 1958 wurde er zur Fußball-WM in Schweden berufen, bei der er sechs Tore erzielte, davon zwei im siegreichen Finale, nach dessen Abpfiff er ohnmächtig wurde und von Mané Garrincha, einer anderen, wenn auch tragischen brasilianischen Legende, aufgeweckt wurde und in Tränen ausbrach.
Die Begeisterung, die der gerade der Adoleszenz Entwachsene damals schon ausübte, lässt sich an den Worten des Schriftstellers Nelson Rodrigues ablesen: „Pelé könnte Michelangelo, Homer oder Dante überschwänglich begrüßen: ‘Wie geht es Ihnen, Kollege?’“
Bald versuchte Inter Mailand, Pelé von Santos zu kaufen, was zu einer Revolte der Santos-Fans führte. Alle weiteren Versuche, vor allem italienischer Klubs, scheiterten, obwohl sie für damalige Verhältnisse Rekordsummen boten. 1961 erklärte Brasiliens Präsident Pelé kurzerhand zum „Nationalschatz“, der nicht außer Landes gebracht werden dürfte. Das war natürlich verfassungswidrig, aber es kam gut an. Tatsächlich verließ Pelé den Santos FC erst zum Ende seiner Laufbahn. Er wechselte 1975 zu New York Cosmos, zwei Jahre später folgte ihm Franz Beckenbauer. Sie sollten in den USA auch Werbung für den Fußball machen.
Diese Vereinstreue unterscheidet Pelé von zeitgenössischen Fußballern – und dennoch war auch er ein Wegbereiter der Kommerzialisierung des Fußballs. Er war eben nicht nur der „König Pelé“, über den Gedichte und Sambas komponiert wurden, sondern auch eine Marke. Santos unternahm eine Vielzahl internationaler Tourneen, um Pelé zu präsentieren. 1969 reiste man beispielsweise durch Afrika, wo Pelé für Massenaufläufe sorgte, wenn er im offenen Wagen vor dem Rest des Teams durch die Straßen gefahren wurde. In Nigeria vereinbarte die Regierung sogar einen Waffenstillstand im Biafra-Krieg, um das Match gegen Santos zu ermöglichen.
Pelé verstand es exzellent, seinen Ruhm zu monetarisieren. Im Lauf seiner Karriere machte er Werbung für Anzüge, Batterien, Cachaça, Cola, Fußbälle, Haushaltsreiniger, Kaffee, Motorräder, Stahlwolle, Videospiele und Viagra, um nur einige zu nennen. Es fällt die Beliebigkeit auf.
Pelé war auch, und das unterscheidet ihn von Muhammad Ali, stets darauf bedacht, nie anzuecken. Er vermied es, Positionen zu beziehen und wollte es stets allen Recht machen, sogar der brasilianischen Militärdiktatur, als deren Repräsentant er zeitweilig auftrat. Es trug ihm die Bezeichnung „Propagandajunge der Diktatur“ ein. Als Pelé 1969 seinen 1000. Treffer per Elfmeter im Maracanã-Stadion erzielte, drehte er eine zwanzigminütige Ehrenrunde und widmete sein Tor „den Kindern, den Armen und den blinden Alten“. Viele Brasilianer hatten sich erhofft, dass er die Gelegenheit nutzen würde, um die Diktatur zu kritisieren, die sich in ihrer repressivsten Phase befand. Ein Teamkollege in der Nationalelf verglich Pelé mit einem Schwarzen, der sich innerlich nicht von der Sklaverei befreit habe und immer nur sage: „Jawohl, meine Herrschaften.“
Pelé verteidigte sich gegen die Kritik: Er sei später, in den Achtzigern, sehr wohl für freie Wahlen eingetreten. Fakt ist, dass viele Brasilianer den Fußballer Pelé lieben, verehren und stolz auf ihn sind; dass sie aber zum Bürger Pelé ein eher ambivalentes Verhältnis haben. Dazu trug Pelé auch im Persönlichen bei. Er hat fünf Kinder aus zwei Ehen. Dazwischen hatte er einige öffentliche Affären. Aber er weigerte sich zwei uneheliche Töchter anzuerkennen, die während seiner ersten Ehe entstanden. Sie zogen vor Gericht und Pelés Vaterschaft wurde per DNA-Test festgestellt. Eine der beiden starb 40-jährig an Krebs, ohne dass Pelé sie mit einem Cent unterstützte.
Solche Geschichten trugen dazu bei, dass Pelé anders als beispielsweise Diego Maradona in Argentinien nicht zum Volksheld wurde, sondern immer „der König des Fußballs“ blieb. Als solcher zeigte er sich gerne mit anderen Mächtigen, wurde beispielsweise zum Aushängeschild der Fifa.
Dutzende ikonische Bilder und Anekdoten verbinden sich mit Pelé. Eine der schönsten stammt von der Fußball-WM 1970 in Mexiko, als sich die vielleicht beste brasilianische Seleção aller Zeiten ihren dritten Titel auf spektakuläre Weise erspielte. Im Gruppenspiel gegen England köpfte Pelé aus acht Metern kraftvoll aufs Tor und hatte den Jubelschrei schon auf den Lippen, doch der englische Torwart Gordon Banks wuchtete den Ball auf bis heute unerklärliche Weise noch von der Linie. Die Abwehr Banks’ ging als „Parade des Jahrhunderts“ in die Fußballannalen ein. Der Versuch Pelés wiederum bekam den Titel, „das Tor, das Pelé nicht erzielte“. Banks und Pelé sprachen anschließend in höchsten Tönen voneinander und wurden Freunde. Was kann der Fußball mehr erreichen?
Am Donnerstag ist Edson Arantes do Nascimento im Alter von 82 einem langen Krebsleiden erlegen. Von seinem Körper können die Brasilianer ab dem 2. Januar im Stadion des Santos FC Abschied nehmen. Es werden Hunderttausende, wenn nicht Millionen erwartet. Die sozialen Netzwerke in Brasilien sind nun voller Trauerbekundungen und Abschiednahmen. Besonders emotional twitterte Brasiliens nächster Präsident Lula da Silva: „Ich hatte das Privileg, das die Jüngeren nicht haben: Ich habe Pelé live spielen sehen. Spielen? Nein! Ich habe gesehen, wie Pelé eine Show abzog. Wenn er den Ball hatte, machte er immer etwas Besonderes und häufig wurde ein Tor daraus.“
2022 ist nun auch das Jahr, in dem die brasilianische Nationalmannschaft zum fünften Mal hintereinander aus einer WM-Endrunde vorzeitig ausgeschieden. Brasiliens neuer Stürmerstar und Publikumsliebling Richarlison drückte auf Instagram seinen Schmerz darüber aus, und Pelé antwortete ihm auf Pelé-Art: „Mach einfach weiter, Junge. Und ändere dich nicht. Du hast Brasilien zum Lächeln gebracht.“ Den Brasilianern dämmert nun, dass da einer gegangen ist, der wie die englische Queen immer da zu sein schien. Pelé, der König des Fußballs, ist tot. Es lebe der Fußball.
ENDE