Es regnet nicht mehr im Regenwald

Es regnet nicht mehr im Regenwald

Ausgerechnet der Regenwald leidet unter der schwerste Dürre seit Menschengedenken. Einst mächtige Ströme führen kaum noch Wasser, zahlreiche Ortschaften sind von der Außenwelt abgeschnitten. Holzfäller, Viehzüchter und Landräuber nutzen die Situation aus und legen Brände. Die Regierung Lula schaut passiv zu und Forscher befürchten den Niedergang des größten Dschungels der Welt.

Von Philipp Lichterbeck, Manaus

Es regnet nicht mehr im größten Regenwald der Erde. Im zweiten Jahr in Folge erlebt der Amazonas eine Rekordtrockenheit, die das Leben in der Region radikal verändert. Die Pegelstände der Flüsse sind auf historische Tiefstwerte gefallen. Der mächtige Rio Negro, aus dem der Amazonas wird, hat den tiefsten Wasserstand seit Beginn der Aufzeichnungen vor 122 Jahren. Bei Manaus kann man seine ausgetrockneten Seitenarme bestaunen, in denen das Gras sprießt. Wo einst der Rio Madeira und der Rio Solimões, zwei der größten Flüsse der Welt, unaufhaltsam strömten, stapfen Menschen durch trockene Flussbetten. Ist man per Boot in der Region unterwegs, fallen die vielen abgerutschten Uferböschungen auf. Schiffe, Kanus und Hausboote liegen wie verlorene Spielzeuge auf dem Trockenen.

In den Flussbetten machen Forscher derweil spektakuläre Funde: Dinosaurierknochen, Millionen Jahre alt. Aber das Verschwinden des Wassers offenbart auch Berge von Müll: Der Amazonas zählt zu den am stärksten verschmutzten Flüssen der Welt, erstickt buchstäblich in Plastikabfall. Und die niedrigen Wasserstände führen zu extremer Erwärmung. Hält man die Hand in eine der vielen Lagunen der Region, zieht man sie erschrocken zurück. Die Wassertemperaturen liegen über 30 Grad, die Fische werden regelrecht gekocht.

Der Grund für die Dürre: Während der letzten Regenzeit fiel nicht einmal die Hälfte der üblichen Niederschläge. Nun sind rund 70 Prozent der Amazonas-Gemeinden von so extremer Trockenheit betroffen, dass viele den Notstand ausgerufen haben. Denn ohne die Flüsse, die Verkehrsadern der Region, auf denen Lebensmittel, Medikamente, Treibstoff und Vieh transportierte werden, sind viele Orte von der Außenwelt abgeschnitten.

Die Dürre wirkt auch als Brandbeschleuniger. In der Trockenzeit zwischen Mai und September schlägt im Amazonas die Stunde der Brandstifter. In diesem Jahr waren sie besonders aktiv. In den Bundesstaaten Amazonas, Pará und Mato Grosso, die den größten Teil des Regenwalds umfassen, verzeichnete das Nationale Institut für Weltraumforschung (INPE) fast 110.000 Brände – mehr als jemals zuvor seit Beginn der Satellitenüberwachung 1998. Es scheint, als ob ein Wettlauf unter Holzfäller, Landräubern und Viehzüchtern begonnen habe: Zuerst fällen sie die wertvollsten Bäume, dann zünden sie den Rest des Waldes an. Übrig bleiben kahle Flächen, auf die ein paar Rinder gestellt werden.

Es ist diese antiquierte Vorstellung von Fortschritt, die in den Weiten Brasiliens immer noch herrscht. Am Werk ist oft das organisierte Verbrechen: Holzmafia, Landraubmafia, Viehmafia. Der Staat hat wenig zu melden, wenn einmal Fakten geschaffen sind. Und die Kriminellen wehren sich, zunehmend mit Waffen, sind zudem oft mit Lokalpolitikern und der lokalen Polizei verbündet. Einzige Hoffnung: Brasiliens Justiz hat in einigen Fällen hohe Strafen gegen Waldvernichter verhängt – und als Novum auch die Kosten für das freigesetzte CO₂ mit einberechnet. Es muss sich zeigen, ob die Urteile vollstreckt werden und Wirkung zeigen.

Brasiliens Regierung unter Präsident Lula da Silva erscheint angesichts der schleichenden Katastrophe seltsam passiv. Lula, seit 2023 im Amt, hatte versprochen, den Amazonaswald besser zu schützen als sein Vorgänger Jair Bolsonaro, der die Abholzung zugunsten des „wirtschaftlichen Fortschritts“ unterstützt hatte. Tatsächlich hat Lula die Umweltbehörde Ibama wieder gestärkt. Gemeinsam mit der Bundespolizei führte sie aufsehenerregende Strafaktionen gegen Umweltsünder durch, vertrieb beispielsweise Tausende Goldgräber aus dem Reservat des indigenen Yanomami-Volks.

Als Erfolg kann Lula auch verbuchen, dass die Abholzung 2023 im Amazonasgebiet um 62 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückging. Allerdings hatte der starke Rückgang auch damit zu tun, dass die Waldvernichtung unter Bolsonaro drastisch angestiegenen war. Es ist kein Geheimnis, dass Lula mit Umweltschutz nicht viel anfangen kann. Er nutzt das Thema zwar geschickt, um sich international zu profilieren, aber er ist ein klassischer linker Entwicklungspolitiker, der sozialen Fortschritt will, um jeden Preis. Gegen den Widerstand seiner Umweltministerin Marina Silva befürwortet er die geplante Ausbeutung der Ölfelder in der Amazonasmündung. Und er will die von Brasiliens Ureinwohnern mit Horror erwartete Asphaltierung der Bundesstraße BR-319 vorantreiben. Die 890 km lange Strecke verbindet die Großstädte Manaus und Porto Velho und führt durch eine der letzten relativ unberührten großen Amazonasregionen.

Aber nicht nur der Amazonas leidet. Brände wüteten im brasilianischen Winter im ganzen Land. Das INPE registrierte bis vergangenen Donnerstag rund 223.257 Feuer, ein Anstieg um 144 % im Vergleich zu 2023. Mehr als 223.000 km² wurden verwüstet – eine Fläche, die fast 2,5 Mal so groß ist wie Portugal. Neben dem Amazonas sind vor allem der savannenartige Cerrado, der Atlantische Regenwald und das Feuchtgebiet Pantanal betroffen, eins der artenreichsten Biotope der Welt. In den Flammen verendeten Tausende Tiere: Jaguare, Ameisenbären, Tapire, Affen. Zeitweilig zogen die Rauchschwaden über 60 Prozent Brasiliens hinweg. „Brasilien wird verbrannt“, sagte der Vizepräsident von Brasiliens Akademie der Wissenschaften, Paulo Artaxo.

Die Frage bleibt: Wodurch wurde die Dürre ausgelöst? Wissenschaftler sehen verschiedene Gründe. Renato Senna vom Nationalen Institut für Amazonasforschung (INPA) betont die Rolle zweier vorübergehender Klimaphänomene: die Erwärmung des tropischen Atlantiks und des Pazifiks, bekannt als El Niño. Sie hätten atmosphärische Strömungen verändert und die Regenmenge in Südamerika negativ beeinflusst.

Andere Untersuchungen geben dem Klimawandel die Hauptschuld. Laut einer Studie der internationalen Forschungsgruppe World Weather Attribution (WWA) sei die extreme Trockenheit nicht als vorübergehendes Phänomen einzuordnen, sondern werde bleiben. Für Brasiliens führenden Klimaforscher Carlos Nobre ist das eine drastische Warnung. Kann es sein, dass das Ökosystem Amazonas gerade zusammenbricht? Nobre und andere Forscher glauben, dass der unaufhaltsame Niedergang einsetze, wenn 25 Prozent des Dschungels zerstört seien. Dann könne sich der andauernde Kreislauf aus Niederschlägen, Verdunstung und Wolkenbildung nicht mehr aufrechterhalten und der Dschungel werde zur Savanne. Rund 20 Prozent des Amazonaswaldes wurden bereits vernichtet, Tendenz stark steigend.

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