Das Kolumbien, das unsichtbar war

Das Kolumbien, das unsichtbar war

Francia Márquez steht im Hof ihres Palastes in Bogotá und weiß nicht recht, wohin mit ihren Händen. Also faltet sie sie zusammen, während ein Soldat in Paradeuniform neben ihr eine kolumbianische Fahne drapiert. Vor Márquez geht ein Fotograf in Stellung, hinter ihr erheben sich die Andengipfel, die Kolumbiens Hauptstadt im Osten begrenzen.

Foto: Andrés Castilla – https://andrescastilla.com/vicepresidencia-de-la-republica

Márquez wirkt ein wenig verloren in der Szenerie, so als ob ihr der Ort und seine Rituale immer noch fremd wären und die Macht, die sie nun hat, eher auf ihr laste anstatt sie beflügeln.

Márquez ist seit etwas mehr als einem Jahr Kolumbiens Vizepräsidentin. Obwohl dem Amt auch in Kolumbien eine untergeordnete Bedeutung zukommt, war die Ernennung der 41-Jährigen eine kleine Sensation. Es hatte mit Márquez Herkunft zu tun. Sie ist die erste Afro-Kolumbianerin, die es in ein so hohes Staatsamt geschafft hat und die zweite Vizepräsidentin Kolumbiens überhaupt. Sie stammt aus armen ländlichen Verhältnissen im Departement Cauca, war schon als Teenagerin alleinerziehende Mutter. Dass sie einmal Vizepräsidentin Kolumbiens werden würde – neben Brasilien das Land mit der ungerechtesten Wohlstandsverteilung in Südamerika – war also eher unwahrscheinlich.

Es waren die Wahlen 2022, die Kolumbien einen Linksruck bescherten. Mit Gustavo Petro, dem ehemaligen Bürgermeister von Bogotá und Ex-Guerillero der Bewegung M-19, wurde erstmals ein Präsident in die Casa de Nariño gewählt, der versprach, für die Armen zu regieren. Márquez als Vize-Kandidatin verlieh ihm Glaubwürdigkeit: eine Frau aus dem Volk mit Turban, Afro-Frisur und traditionellen Blusen; eine Feministin und Umweltaktivistin; eine, die nicht aus den europäischstämmigen Zirkeln der Macht und einer der immer gleichen Familien von Großgrundbesitzern oder Unternehmern kam.

„Ich bin in den Bergen aufgewachsen, umgeben von Flüssen“, beschreibt Márquez ihre Herkunft. „Wie viele Frauen in diesem Land musste ich schon früh arbeiten, um zu überleben.“ Als Teenagerin war sie handwerkliche Goldsucherin und Hausangestellte. Mit 16 Jahren wurde sie schwanger und von ihrem Partner verlassen.

Aber sie begann auch, sich politisch zu engagieren. Bereits mit 13 Jahren setzte sich Márquez gegen ein Staudammprojekt ein, kämpfte später gegen illegale Goldsucher und die Umweltzerstörung ihrer Heimat durch multinationale Minenkonzerne. Ihr Einsatz rief mächtige Gegner auf Plan. 2014 wurde sie von Paramilitärs vertrieben – was ihren Durchhaltewillen weiter zu stärken schien. Nur kurz darauf erlangte sie nationale Bekanntheit, als sie einen mehrtägigen Marsch für die Rechte afro-kolumbianischer Gemeinden nach Bogotá anführte.

2019 wurde dann tatsächlich ein Mordanschlag auf sie verübt, den sie knapp überlebte. Ein Jahr später schloss sie ihr Jurastudium ab. Ein wiederkehrendes Motiv in Márquez’ Leben ist diese Beharrlichkeit im Angesicht existentieller Bedrohungen. „Wenn ich mich an die Regeln gehalten hätte, würde ich heute in der Küche eines wohlhabenden Hauses Geschirr spülen“, sagt sie.

Nun sitzt sie in einem Ledersessel in ihrem klimatisierten Amtssitz und lässt Kaffee servieren. Schon auf dem Weg hierher war deutlich geworden, dass sich etwas geändert hat. Auffällig viele schwarze Frauen arbeiten in Márquez’ Palast, sind Sicherheitsoffiziere und Beraterinnen. In ihrem Büro stehen Skulpturen afro-kolumbianischer Frauen und Kunstwerke indigener Herkunft schmücken den Raum. In einem Land, dessen Eliten bis heute die europäische Kultur für überlegen halten, ist das ein Statement.

Márquez trägt ein hellblaues Sakko und dunkle Hosen, dazu große Ohrstecker in den Umrissen Kolumbiens, bunte Perlenbändchen schmücken ihre Handgelenke. Als man sie auf den Vergleich mit US-Vizepräsidentin Kamala Harris anspricht, lacht sie und sagt entschieden: „Yo soy yo!“ Ich bin ich!

Seit Juli gehört zu Márquez’ Aufgaben auch die Leitung des neu gegründeten Ministeriums für Gleichberechtigung und Gleichstellung. Man sei auf der Suche nach einem Amtssitz, sagt sie.

Doch statt Tatendrang vermittelt Márquez den Eindruck von Niedergeschlagenheit. Sie sitzt zusammengesunken in ihrem Sessel, spricht leise, blickt oft auf den Boden, wirkt traurig. Aber sie antwortet auch offen und ausführlich auf jede Frage, redet nicht darüber hinweg, dass es Probleme gibt.

Rund anderthalb Stunden hat sich Márquez für das Gespräch mit einer Handvoll Journalisten genommen, das vom katholischen Lateinamerikahilfswerk Adveniat vermittelt wurde. Sie fühle sich der Kirche sehr verbunden, sagt sie. Diese spiele eine wichtige Rolle im kolumbianischen Friedensprozess, etwa bei den Verhandlungen mit den Guerillagruppen der ELN und der FARC-Dissidenz, die das Friedensabkommen von 2016 nicht akzeptieren.

Angetreten waren Márquez und Petro im August 2022, um eine Regierung des Wandels, der Hoffnung und des „totalen Friedens“ zu führen. Die erste linke Regierung in der Geschichte Kolumbiens weckte die Erwartung, dass sich endlich etwas ändern werde an der Ungerechtigkeit und Gewalt im Land.

Nun, etwas mehr als ein Jahr später, ist die Euphorie verflogen, Resignation hat sich breitgemacht. Sie spiegelt sich in den Zustimmungsraten der Regierung wider: Zweidrittel der Kolumbianer bewerten sie als schlecht, und bei den Kommunalwahlen Ende Oktober schnitt die Regierungskoalition „Pacto Histórico“ miserabel ab. Auch die schwarze Bürgermeisterkandidatin, die Francia Márquez in ihrer Heimat Cauca unterstützte, sonst eine linke Hochburg, fiel durch.

Beobachter machen für die Enttäuschung die Figur Petro verantwortlich. Der Präsident ist berüchtigt dafür, Termine in letzter Minute platzen oder seine Gesprächspartner stundenlang warten zu lassen. Er scheint mehr Zeit auf X zu verbringen, als mit der Lösung der Probleme Kolumbiens. Mehrfach täglich retweetet er Bilder aus Gaza. Den kolumbianischen Botschafter hat er aus Israel abberufen. Rätselhaft bleibt sein Lob für den neuen slowakischen Parlamentspräsidenten, der die Fahne der EU aus seinem Büro entfernte. Was hat das mit uns zu tun?, fragen sich viele Kolumbianer.

Das Land ist seit dem Friedensschluss von 2016 nicht friedlicher geworden. In einigen Regionen sorgen die ELN und FARC-Dissidenten für Unruhe. Andernorts herrschen Gruppen des Organisierten Verbrechens. Nirgendwo leben soziale Aktivisten heute gefährlicher als in Kolumbien, mehr als tausend wurden seit 2016 umgebracht, die meisten im Departement Cauca, der Heimat von Márquez. Dort wurde sogar ein schwerer Bombenanschlag auf Márquez’ alte Schule verübt. Sie sagt, dass sie immer noch tief bestürzt darüber sei, es tue ihr für die Lehrerinnen so leid, mit diesem Brutalität habe sie nicht gerechnet.

Anders als ihre Vorgänger setzt die Regierung Petro jedoch nichts aufs Militär, sondern auf Dialog. „Ich sehe keinen anderen Weg“, sagt Márquez. „Nach 70 Jahren bewaffnetem Konflikt waten wir im Blut. Ich hoffe, dass diese Gruppen verstehen, dass es so nicht weitergehen kann.

Bislang bleibt es eine Hoffnung. Erst vor wenigen Tagen verließ der Estado Mayor Central (EMC), eine Dissidentengruppe der FARC, den Verhandlungstisch und warf der Regierung vor, weiterhin eine militärische Lösung zu verfolgen. Andernorts sind ehemalige paramilitärische Gruppen wiedererstarkt, etwa der Golf Clan, Kolumbiens größte kriminelle Organisation. Wie mit ihm ein Dialog möglich sein soll, bleibt ein Rätsel.

Es hilft in dieser Situation wenig, dass der Sohn von Präsident Petro behauptet, er habe im Wahlkampf Mafia-Gelder angenommen. Als Antwort attackierte Petro die Medien, warf ihnen Manipulation vor.

Sein Kabinett, das mit erfahrenen Leuten besetzt war, hat er fast komplett ausgetauscht. Nun sitzen dort Neulinge mit wenig Regierungspraxis aber viel Idealismus. Erfolgreiche Politik wird anders gemacht. Es ist ein Lehrstück dafür, wie wieder einmal ein vielversprechendes linkes Projekt in Lateinamerika an der Selbstherrlichkeit einer Person zu scheitern droht.

„Wenn man nicht aufpasst, kann man sich an der Macht betrinken“, sagt Francia Márquez, die Petro nie kritisiert, aber auch keinen Hehl daraus macht, mehr vom Regieren erwartet zu haben. Es sei schwierig, etwas in Kolumbien zu verändern, sagt sie, spricht von den starken Widerständen, mit denen man zu kämpfen habe. Kolumbiens Eliten seien nicht bereit, ihre Privilegien zu teilen, seien vielmehr schockiert darüber, dass auf dem Gruppenfoto der Mächtigen auf einmal andere Gesichter auftauchten. „Dass ich in diesem Palast sitze, schafft Unbehagen“, sagt sie. „Ich repräsentiere ein Kolumbien, das vorher unsichtbar war.“

Auch sie macht die Medien für einen Teil des schlechten Images der Regierung verantwortlich, wirft ihnen „Boshaftigkeit“ vor. „Sie tun so, als ob die Kolumbianer sich für uns schämen müssten.“ Tatsächlich schlachten einige Medien jedes Missgeschick von Márquez aus, bezeichnen sie als unkontrolliert und unprofessionell. „Wenn du als Frau laut redest, bist du aggressiv. Wenn du als Mann laut redest, zeigst du angeblich Stärke“, sagt sie. „Wo ich herkomme, gingen die Frauen mit Macheten zum Fluss, um illegale Goldgräber zu vertreiben. Sie konnten nicht lesen und schreiben, aber ihre Worte hatten Gewicht.“

Es ist diese Diskrepanz zwischen der Praxis des Aktivismus’ und den Mühlen des Staats, die Márquez am meisten zu frustrieren scheint. „Ich möchte die Dinge schnell erledigen“, sagt sie und schnippst mit Daumen und Zeigefinger. Aber die Institutionen verhinderten schnelle Antworten.

Zur Veranschaulichung erzählt sie vom Besuch bei einer indigenen Gemeinde, die aus Kokablättern Dünger herstellt, diesen aber nicht vermarkten darf, weil es kein Gesetz gibt, dass die legale Verarbeitung von Kokablättern regelt. „Die Leute sagten mir aufgeregt: ‘Präsidentin, damit werden wir dem Drogenhandel ein Ende setzen.’ Sie haben den Wunsch nach einem Neuanfang. Aber ich konnte ihnen keine positive Antwort geben. Ich verstehe, dass sie enttäuscht sind.“ Auf der anderen Seite sei sie gerührt, wenn sie merke, dass ihr Erscheinen den Menschen Hoffnung gebe, weil der Staat sich in vielen armen Regionen Kolumbiens bisher nur in Gestalt von Soldaten blicken ließ.

Bei der für Kolumbien so wichtigen Frage der Drogen nimmt die Regierung Petro eine erfrischend neue Position ein: keine Vernichtungsprogramme von Kokaplantagen mehr, stattdessen wird die Verantwortung der Konsumentenländer betont. „Der Drogenhandel funktioniert mit Korruption“, erklärt Márquez. Wo werde das Drogengeld gewaschen? „In Banken rund um die Welt.“

Petro und Márquez wollen weg von einer Strategie, die vor allem die Schwächsten in der Produktionskette traf, die Kleinbauern, deren Plantagen vernichtet wurden. „Sie bauen Koka an, weil sich etwas anderes für sie nicht lohnt“, sagt Márquez. Vom Staat würden sie alleine gelassen. Dieser unterstütze traditionell die Latifundien, beispielsweise durch Preisstabilisierungsfonds für die Zuckerindustrie. Etwas ähnliches für Kleinbauern existiere nicht, kritisiert sie Márquez. Dort müsse man ansetzen.

Dass aber alles bislang schlecht sei, will sie nicht gelten lassen. Stolz ist sie auf die Unterzeichnung des Gesetzes 70/93, das das Recht auf kollektives Eigentum, den Schutz der kulturellen Identität sowie die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung afro-kolumbianischer Gemeinden regelt. „Die Unterzeichnung war historisch“, sagt sie.

Und dennoch: Francia Márquez, die Hoffnungsträgerin, ist so frustriert mit ihrer Regierungserfahrung, dass sie ankündigt, nicht erneut für ein Amt antreten zu wollen. „Ich gehöre nicht in dieses Ambiente“, sagt sie. „Ich wünsche mir einen raschen Wandel, aber in der Politik geht das nicht.“

ENDE