Vom Kleinbauern zum Klimaschützer

Vom Kleinbauern zum Klimaschützer

Diego López hat sich in Schale geworfen, trägt trotz der Hitze ein Jackett, Jeans und schwarze Lederschuhe, die Haare sind frisch gestutzt, fünf Millimeter lang. Mehr als zwei Stunden lang hat López im Bus gesessen, ist die Serpentinen von seiner kleinen Kaffeefarm hoch oben in den kolumbianischen Bergen hinunter nach Popayan gefahren, die kolonial geprägte Hauptstadt des Departements Cauca.

Er wartet nun im Veranstaltungssaal eines zum Hotel umgebauten Klosters mit anderen Bauern darauf, dass sein Name aufgerufen wird. Als es so weit ist, steigt er strahlend auf die Bühne und nimmt einen Scheck in Empfang: 520 Dollar. Es ist die erste Auszahlung, die López für seinen Verdienst im Kampf gegen den Klimawandel erhält. Die Bäume auf seiner Finca haben binnen eines Jahres 26 Tonnen des Treibhausgases CO2 aus der Atmosphäre geholt. Jede Tonne CO2 zählt als eine Rückgewinnungseinheit, auf Englisch CO2 Recovery Unit (CRU). Pro CRU erhielt López 20 Dollar – so wie ein Dutzend weiterer Kaffeebauern der Region.

Es ist etwas Neues für López, dass seine Bäume Geld wert sind. „Wir mochten die Bäume, weil viele Vögel kamen“, sagt er.

Zu verdanken hat Diego López die zusätzliche Einnahme einem Programm der NGO Solidaridad mit Sitz in Freiburg. Solidaridad wurde 1969 in den Niederlanden gegründet und hat heute Ableger in rund 50 Ländern. „Asómbrate“ lautet der Name des Programms, das kleinen Kaffeebauern Zugang zum globalen Markt für Emissionsrechte ermöglicht. Es heißt übersetzt „Erstaune!“ und ist zugleich ein Spiel mit dem spanischen Wort sombra, Schatten.

Rund 15.000 kolumbianische Kaffee- und Kakaobauern nehmen bislang Teil. Ihre CRUs werden von der holländische Rabobank verkauft und von Unternehmen erworben, die ihre Treibhausgasbilanz ausgleichen möchten, um ihren Produkten das Label „klimaneutral“ anheften zu können. Die CRUs von Diego López wurden beispielsweise von Microsoft gekauft. „Wir versuchen die enormen Emissionen zu kompensieren, die durch die Kühlung unserer Rechenzentren entstehen“, sagt Germán Otálora von Microsoft Kolumbien am Rande der Scheckverleihung in Popayan.

Am nächsten Morgen wartet Diego López vor seinem Haus inmitten der zerklüfteten und wunderschönen kolumbianischen Kordilleren. Über dem Eingang prangt der Name seiner Finca: Limasol. Drei Hektar Land gehören ihm und seiner Frau Yulietha Jímenez, auf einem Hektar pflanzen sie Kaffee an, auf den anderen beiden Bananen, Mais und Yukka. Viel materiellen Besitz haben die beiden nicht: ein Fernseher, eine Stereoanlage, ein Sofa, drei Betten, einen Gasherd. Im Wohnzimmer hängen Fotos, die López als Soldat einer Spezialeinheit der kolumbianischen Armee zeigen. Mit 18 Jahren sei er nach Bogotá gegangen, erzählt er, um sich freiwillig zum Militär zu melden, weil in seiner Heimat illegale bewaffnete Gruppen junge Männer zwangsrekrutiert hätten.

Aus der Militärzeit hat sich López’ seinen Haarschnitt, die grüne Tarnmütze und die Disziplin bewahrt. Er stehe jeden Morgen vor Sonnenaufgang auf, sagt er, und arbeite bis Sonnenuntergang. Trinken tue er nicht. Aber er möchte nicht über seine Militärzeit sprechen: „Ich habe viel gesehen“, sagt er. 2016 unterzeichneten Kolumbiens Regierung und die FARC-Guerilla ein Friedensabkommen, doch friedlich ist Kolumbien nicht geworden. Drogenkartelle, die ELN-Guerilla und FARC-Dissidenten sind immer noch aktiv. Auch entlang der Landstraßen in Cauca liest man immer wieder „FARC“ auf Schildern. López hat mit dieser Zeit abgeschlossen. Aus dem Angehörigen einer Armee, die im Anti-Guerillakampf auch Menschenrechtsverletzungen beging, ist ein Kaffeebauer geworden, der den Klimawandel ein wenig entschleunigen will.

López führt durch seine 4600 Kaffeesträucher und zeigt auf die Bäume, die am Rande und inmitten der Plantage stehen. Es sind heimische Arten wie Avocado- und Guamo-Bäume, aber auch Limonen und Mandarinen. „Die Bäume spenden Schatten und schützen die Kaffeekirschen vor dem Austrocknen“, erklärt López. „Sie verhindern Bodenerosion, sorgen für Feuchtigkeit und ihre heruntergefallenen Blätter geben dem Boden Nährstoffe.“ Zudem bekäme der Kaffee von den Fruchtbäumen Zitrusnoten, die bei vielen Konsumenten besonders gefragt seien. „Die Bäume sind unsere Verbündeten“, sagt López. Sein Kaffee gilt wie der vieler Bauern aus Cauca als Spezialkaffee.

Das Konzept hinter dem „Asómbrate“-Programm nennt sich Agroforstwirtschaft, die Verbindung zwischen Landwirtschaft und Bewaldung. Es ist ein radikaler Wandel. Bis vor wenigen Jahren wurden Bäume einzig als Hindernisse für die Landwirtschaft betrachtet. Kolumbiens Kaffeeverband riet seinen Mitgliedern, die Produktion durch Abholzung zu steigern und Kaffeesorten zu pflanzen, die keinen Schatten brauchten. Das Ergebnis lässt sich heute in Kolumbiens sogenannter Kaffee-Achse betrachten, in der sich die Plantagen der großen Produzenten monoton die Hänge hinaufziehen und mit Dünger und Pestiziden gepäppelt werden. Für die Produzenten in kleinbäuerlich geprägten Regionen wie Cauca hatte die Abholzung aber katastrophale Effekte: Wassermangel, weniger Insekten, mehr Hitze.

Dabei werden gerade die Kleinbauern vom Klimawandel besonders hart getroffen, weil sie keine Ressourcen haben, um Ernteausfälle zu kompensieren oder staatlichen Hilfen erhalten. „Nach drei Jahren übermäßigen Regens, herrscht dieses Jahr wieder starke Trockenheit“, sagt Diego López während er schwitzend seine Kirschen begutachtet.

Es ist nicht unbemerkt geblieben, dass López jetzt für seine Bäume bezahlt wird. „Die Nachbarn kommen vorbei und fragen, wie man beim CO2-Zertifikatsverkauf mitmachen kann“, berichtet er. Zu den Voraussetzungen des Asómbrate-Programms zählt, dass ein Bauer zwischen 0,5 und zehn Hektar Land besitzt, also Kleinbauer ist. Solidaridad organisiert dann den Kauf von Setzlingen und berät die Bauern in Agroforstwirtschaft, stellt außerdem die Verbindung zur Rabobank her, die die CO2-Zertifikate zum Mindestpreis von 20 Dollar pro CRU verkauft, von denen garantiert 80 Prozent an die Bauern fließen.

Die wichtigste Frage ist aber: Woher weiß man, wie viel CO2 die Bäume aus der Atmosphäre entfernen. Der Handel mit CO2-Zertifikaten ist zuletzt stark gewachsen und der Wert der globalen Märkte für CO2-Zertifikate erreichte 2022 laut dem Institut für Wirtschaftsdatenanalyse Refinitiv 850 Milliarden Euro. Rund 12,5 Milliarden Tonnen an Emissionsrechten seien gehandelt worden. Dass solch ein riesiger Markt nur schwer zu überwachen ist, ist klar – und hat zu starker Kritik am gesamten System geführt. Eine im August im Fachblatt „Science“ veröffentlichte Studie bemängelte Intransparenz und bewies, dass nur sechs Prozent der CO2-Zertifikate aus 26 untersuchten Projekten tatsächlich Emissionen vermieden.

Die Kritik richtet sich gegen Zertifikate des Typs REDD+ (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation). Dabei werden tropische Wälder vor der Abholzung bewahrt. Berechnet wird dann das CO2, das freigesetzt würde, wenn die Wälder vernichtet würden. Die „Science“-Studie offenbarte, dass viele der Programme die Entwaldung nicht signifikant reduzierten und der CO2-Speichereffekt übertrieben worden sei. Andere Wälder seien wiederum gar nicht von Abholzung bedroht gewesen.

Eine weitere Untersuchung von „Guardian“, „Zeit“ und der Rechercheplattform „Source Material“ stellte fest, dass über 90 Prozent der Waldschutzprojekte von Verra, einer führenden Zertifizierungsfirma mit Sitz in Washington, keine Wirkung hätten. Zu den Verra-Kunden zählen Konzerne wie Disney, Shell und Gucci.

Solidaridad und die Rabobank versuchen, die Kritik an CO2-Zertifikaten mit Transparenz zu entkräften. Ein signifikanter Unterschied sei, dass gezielt neue Bäume gepflanzt würden, sagt Joel Brounen Geschäftsführer von Solidaridad Kolumbien. Pro Finca plane man 250 Neupflanzungen. Nur der jährliche Zuwachs an Biomasse auf einer Finca werde dann in CRUs umgerechnet. Um den Zuwachs zu bestimmen, evaluiere ein Team die Art und Größe der Bäume auf jeder Finca. Die Ergebnisse würden dann mit Satellitenbildern abgeglichen. Anhand der Aufnahmen errechnet schließlich eine Software, wie hoch der jährliche Zuwachs an Biomasse ist. Je mehr Biomasse, desto mehr CRUs. „Unser Ziel ist es, so vielen Kleinbauern wie möglich den Übergang zur Agroforstwirtschaft zu ermöglichen“, sagt Brounen.

Auch Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, glaubt, dass der Handel mit CO2-Zertifikaten durchaus sinnvoll sein könne – allerdings, nur wenn ein Unternehmen, das Zertifikate kaufe, gleichzeitig seine Emissionen reduziere. Die Kompensation dürfe kein Ersatz für die Verringerung sein, sagte er dem „Guardian“.

Für Diego López und seine Frau sind solche Diskussionen weit weg. Von den 520 Dollar, die sie für ihre CRUs erhalten haben, wollen sie sich Handys kaufen, sagt Yulietha Jímenez, Kleidung für den Sohn, der in der Stadt studiert und Dünger für ihren Kaffee. „Und wir wollen noch mehr Bäume pflanzen“, sagt Diego López.

ENDE